476 Von der franzöſiſchen Nordküſte.
gethan zu haben meinen. Folgende Geſchichte dürfte meine Leſer eines Beſ⸗ ſeren belehren.
In der furchtbaren Sturmnacht des 31. Auguſt 1777 verſuchte ein Schiff in den Hafen von Dieppe einzulaufen. Der Pilot Bruſſard, der nie fehlte, wenn ein Sturm raste, war auf der Jetée(dem Hafendamme), und da er ſah, daß der Kapitän des Schiffes mehrere falſche Manoeuvres aus⸗ führen ließ, rief er ihm durch ſein Sprachrohr zu, was er zu thun habe. Aber Sturm und Nacht machten ſein Beſtreben nutzlos, und endlich ſcheiterte das Schiff etwa 30 Toiſen oberhalb der Jetée. Alle Welt gab die Bemannung verloren, nur Bruſſard nicht. Entſchloſſen, ſie zu retten, wollte er ſich ein Seil um den Leib binden, um dasſelbe zum Schiffe zu bringen. Da aber warfen ſich ſein Weib und ſeine Kinder und ſeine Freunde zwiſchen ihn und das wildbewegte Meer. Doch Bruſſard hörte nur die Stimme der Menſchlichkeit, und ſeinen Freunden ihre Feigheit vorwerfend, bewog er die⸗ ſelben endlich, ſeine Frau und ſeine Kinder nach Hauſe zu bringen. Dann ſtürzte er ſich, nachdem er ſich das Seil um den Leib gebunden und am Damme befeſtigt hatte, in die Flut. Zwanzigmal ſchleuderten ihn die Wellen auf den Kies zurück, und zwanzigmal ſtürzte er ſich von neuem in das em⸗ pörte Element. Eine große Woge warf ihn gegen das Schiff, und er ver⸗ ſchwand unter demſelben. Ein hundertſtimmiger Schreckensruf verkündete ſeinen Untergang; aber er war nur untergetaucht, um einen Matroſen zu erfaſſen, den eine Welle vom Verdeck herabgeſchleudert hatte, und er brachte ihn leblos an's Ufer. Ein letzter Verſuch gelang endlich, und er konnte das Schiff erklettern und den Unglücklichen das rettende Tau einhändigen, mit dem man ſie an's Ufer zog. Das war ein heldenmüthiges Werk, aber noch ſollte es nicht vollendet ſein. Ermattet hatte man den Lebensretter ſo Vieler in die nächſte Hütte begleitet, wo er das beim Untertauchen verſchluckte Seewaſſer von ſich gab und von ſeinen Freunden gepflegt wurde. Da trug ein Windſtoß den Hülferuf eines Paſſagiers, den man vergeſſen hatte, an's Ufer, und bald erfuhr auch Bruſſard, daß noch ein Menſch zu retten ſei. Und der Ermattete fühlte ſich wieder ſtark, und ehe die, die ihn pflegten, recht wußten, was vorgehe, ſtürzte Bruſſard aus der Hütte und von neuem in's Meer und rettete den noch Uebrigen mit derſelben ſich ſelbſt vergeſſenden Anſtrengung, mit denſelben Hinderniſſen kämpfend und endlich mit dem⸗ ſelben Glücke ſie beſiegend. Von zehn Menſchen dankten acht es ſeinem Muthe, daß ſie keine Beute des empörten Meeres geworden waren. Ludwig XVI. ſchenkte ihm dafür tauſend Franken und ſetzte ihm außerdem noch einen Jahres
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