Von Hugo Schramm. 473
ahnen, als ſchildern. Solche Momente erheben den Menſchen, erweitern ſein Herz und geben ihm jene Ruhe, die am Ende vergißt, was Sturm iſt, aber auch die Macht, die höchſten Gedanken in ſich aufzufaſſen und zu verarbeiten. Es iſt dies eine Schule, in der man zum Poeten wird, ohne es zu wiſſen und zu wollen.
Deſſen ungeachtet verſchwinden mehr und mehr die alten ſchönen Sagen der Matroſen und Fiſcher. Ihre charakteriſtiſche Tracht, die in einer hell⸗ blauen Jacke mit weißen Schnüren und Aufſchlägen, in einer Pumphoſe und hohen Strümpfen und Schuhen mit Schnallen beſtand, haben ſie bereits mit dem gewöhnlichen Fiſchercoſtume der Normandie, einem langen, braunen oder dunkelblauen Wamms, einer ähnlichen Hoſe mit hohen, faſt bis zu den Lenden reichenden Stiefeln oder einer weiten, grauleinenen Ueberhoſe, und einem lakirten Matroſenhute oder einer rothen phrygiſchen Mütze, ſeit einer Reihe von Jahren vertauſcht; die Civiliſation droht ſelbſt den Pollet zu re⸗ volutioniren. Und ſo fällt es auch ſchon heute ſchwer, ſelbſt nur Spuren mancher dieſer alten Sagen aufzufinden.
Am Allerſeelentage erneuert ſich bei dem Seemanne das Andenken an alle die, welche das Jahr über im Kampfe gegen das feuchte Element unterlagen. Was Wunder, daß die Phantaſie an dieſem Tage lebendiger und reger war, und arbeitete und ſchuf! Jahr aus, Jahr ein am Tage aller Seelen— ſo erzählen noch heute mitunter die Alten des Pollet— ſah man um Mitternacht ein Segel aus dem fernen Dunkel auftauchen, das von einer friſchen Briſe dem Hafen von Dieppe zugeführt zu werden ſchien. Bald aber bemerkte man, daß die Segel ſchlaff an den Maſten herabhingen, was das Schiff jedoch nicht verhinderte, immer näher zu kommen. Endlich konnte man dasſelbe erkennen: es war ein Fahrzeug, das man ſeit einiger Zeit ver⸗ mißt und für untergegangen erklärt hatte. Immer näher kam es, und zuletzt unterſchied man die Bemannung. Die Mutter ſah den verloren geglaubten, ſeit Monaten beweinten Sohn, und die Tochter den Vater, und die Schweſter den Bruder, und die Wittwe den Mann. Und alle eilten herzu, die Geret⸗ teten zu begrüßen, und ihnen ihr Willkommen entgegenzurufen; die auf dem Schiffe aber ſtanden ſtumm und bewegungslos. Doch darüber wunderte ſich niemand, denn in drohender Gefahr thun die Seeleute ſehr oft das Ge— lübde, nicht zu ſprechen, bevor ſie in Notre⸗Dame dem Himmel für ihre
Rettung gedankt. Jetzt warf man dem Schiffe vom Hafendamme ein Tau zu, um es in den Hafen zu ziehen. Und Männer und Weiber reihten ſich, wie man dies täglich ſieht, zur Kette. Das Schiff wich indeſſen nicht mehr


