Zeitschriftenband 
4 (1867)
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Von der franzoͤſiſchen Nordküſte.

ſie zu tröſten, nach Hauſe. Eine der Frauen aber, die ihren Mann, der noch vor wenig Wochen ihr Bräutigam geweſen, verloren hatte, fiel in Ohnmacht und mußte in die nächſte Hütte gebracht werden. Erſt nach ein paar Stun⸗ den konnte ſie nach Hauſe gehen, und ſiehe da! als ſie die Thüre öffnet, ſitzt ihr Mann vor dem Herde und wärmt ſeine erſtarrten Glieder. Die Freunde, welche die junge Frau nach Hauſe begleitet hatten, ſchlugen ein Kreuz, aber ſie ſelbſt fiel dem verloren geglaubten Geliebten um den Hals und er erwiderte mit ſeinen lebenswarmen Lippen ihre Küſſe. Dieſelbe Welle, die das Schiff über den Damm geſchleudert, hatte ihn vom Verdecke herabgeriſſen und auf jenen geworfen, wo er beſinnungslos liegen geblieben und erſt wieder zu ſich gekommen war, als ſich die müßige Menge verlaufen hatte. Des anderen Tages aber erzählten ſich die alten Fiſcherinnen, Notre⸗ Dame habe ihn aus dem Meere herausgeholt und auf den Hafendamm gelegt.

Solche wunderbare Abenteuer hat beinahe jeder Seemann erlebt, und es erklären dieſelben den Glauben an die nichterlebten, die ihm am Ende nicht viel ſonderbarer als jene ſelbſt erſcheinen müſſen. Das Uebernatür⸗ liche, das Myſtiſche liegt hier der Wahrheit ſo nahe, daß die Grenze zu finden wenigſtens dem rohen Seemanne ſehr ſchwer fallen muß. Das poetiſche Gefühl wird hier Tag für Tag durch die Ereigniſſe angeregt. Das Herz muß größer werden, denn es hat der Momente viele, in denen es das höchſte Glück und das höchſte Unglück ahnen, träumen darf. Und ſolche Ahnungen, ſolche Träume ſind meiſt erhabener, als die Wahrheit des Lebens. So oft ein Schiff von Neufundland zurückkehrt, verläßt ein Pilot in ſeiner Barke den Hafen und ſegelt dem Schiffe entgegen. Auf dieſem angekommen, darf der Pilot nur mit dem Kapitän ſprechen, und dieſer erhält dann von jenem Nachricht über alles, was ſeit vier, fünf Monaten ſowohl im Allgemeinen, als ſpeciell für die Einzelnen der Mannſchaft Intereſſantes ſich zugetragen hat. Erſt wenn die Barke vom Schiffe wieder abgeſtoßen iſt, theilt der Ka⸗ pitän den Matroſen die Neuigkeiten mit, die ſie und die Ihrigen betreffen. Dem Einen kündigt er den Tod des Vaters, der Mutter, dem Andern die Geburt eines Sohnes an. Mit welchen Gefühlen die geſammte Mannſchaft die Pilotenbarke ankommen ſieht, mit welcher Ungeduld ſie harren, während der Kapitän mit dem Piloten in ſeiner Kajüte allein iſt, wie es den Einzel⸗ nen durchzucken mag, wenn der Kapitän, nachdem die Barke vom Schiffe wieder abgeſtoßen, ihn zu ſich ruft und ſeine Erwartung zwiſchen einer Trauernachricht und einer Glückesbotſchaft ſchwebt, das läßt ſich eher