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Von Hugo Schramm. 471
wegen ſind auch die Seeleute im Ganzen frommer als wir armen Erdwür⸗ mer, denen ſeltener die Natur ſo wie ihnen in ihrer Allgewalt entgegentritt. Auch die Bewohner des Pollet ſind, wie ſchon geſagt, fromme Gemüther. Ich war einmal in der Kirche der alten Bergſtadt Schneeberg im ſächſiſchen Erzgebirge, und die ernſte, feierliche Stille, dann der erhabene, ruhige Ge⸗ ſang, der wie aus tiefen Schachten, aus der Bruſt der Bergleute zum Bune⸗ hinaufdrang, erſchütterte mich damals bis in's Innerſte. In der Kirche Pollet erging mir's anders. So lange der Prieſter allein betete ducire auch hier feierliche Stille, als aber die Fiſcher und Matroſen zu ſingen be⸗ gannen, wurde mir geradezu bänglich zu nenihee Es war, als ob ſie einen Sturm mit ihrem Geſange beſchwören wollten, als ob ſie befürchteten, der liebe Herrgott werde ſie, eben wegen des Plutnuen nicht hören, und deßhalb denſelben zu überſchreien verſuchten. Ich glaubte das Heulen der Wogen durchzuhören, hier einen Hülferuf, dort einen Angſtſchrei, und als ich dann um mich ſah und die helle Sonne durch die Fenſter ſchien, und ſie den böſen Sturmſpuk verſcheuchte und mich aus der Poeſie in's Leben herunterriß, fingen mir die Ohren an ſo wehe zu thun, daß ich bald nichts Beſſeres zu thun wußte, als das Gotteshaus ſo ſchnell als möglich zu verlaſſen, um mein armes Trommelfell vor'm Zerſpringen zu bewahren. Ein paar Tage ſpäter aber ſah ich zufällig ein Leichenbegängniß, bei dem Männer und Frauen in ſtiller Andacht einen Schiffbrüchigen des Lebens zu ſeiner letzten Wohnung
begleiteten und alle mit ſo würdigem Ernſte zu Werke gingen, wie dies bein
Menſchen natürlich iſt, die dem Tode tauſendmal unverzagt in's Auge ge⸗ ſchaut haben. Selbſt die nächſten Verwandten hinter dem Sarge drückten ihre Trauer nur durch die Ruhe aus, die in ihren Zügen herrſchte.
Aber weil eben das Leben der Seeleute ſo reich an Abenteuern iſt, die einem Wunder ſo ähnlich ſehen, wie der Sohn dem Vater, ſo wäre es zu verwundern, wenn ſie nicht auch an Wunder glaubten. Eines Tages, er⸗ zählte mir vor ein paar Jahren im Pollet ein Matroſe, ſchleuderte der Sturm einen der Fiſcherkähne von Dieppe gegen den Hafendamm. Die empörten Wellen ergriffen das halbzerſchellte Schiff, riſſen es in die Höhe, warfen es über den Damm weg und verſchlangen es mit Mann und Maus auf der anderen Seite desſelben. Hunderte von Zuſchauern hatten vom Ufer den Kampf und den Untergang des Kahnes mitangeſehen und dieſen erkannt. Die Mütter und Frauen der Verunglückten hatten den Todeskampf ihrer Söhne und Männer im Geiſte mit ausgefochten, und die Freunde und Freundinnen verſammelten ſich um die Trauernden und begleiteten ſie, um
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