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470 Von der franzöſiſchen Nordküſte.
Poeſie des Aberglaubens nachzubilden. Dagegen läßt ſich kaum etwas ein⸗ wenden, denn dieſer Aberglaube hat noch aus keinem rüſtigen Seemanne einen Betbruder gemacht. Wie fromm und abergläubiſch z. B. auch die Be⸗ wohner der Diepper Vorſtadt le Pollet ſind, ſo ſprechen ſie doch ihr Vater⸗ unſer nur, wann's eben Noth thut, und ſind ſonſt kernhafte Männer, die wohl mit einem Damné, mon père! dem Prieſter verſprechen, ſich das Fluchen ab⸗ gewöhnen zu wollen.
Einſchältlich ſei bemerkt, daß der gänzlich von Schiffern und Fiſchern, die den Makrelen⸗, Stockfiſch⸗ und Häringsfang betreiben, occupirte und von der eigentlichen Stadt Dieppe durch den Hafen getrennte Faubourg du Pol⸗ let vor nicht langer Zeit noch ein Dorf hieß und den Fremden noch heute durch die Eigenthümlichkeit ſeines Völkchens, das von einigen, aber wohl mit Unrecht, für eine venetianiſche Colonie gehalten wird und die alten Ge⸗ wohnheiten ſehr treu bewahrt hat, als Sittenbild feſſelt. Dieppe ſelbſt übri⸗ gens war bis vor etwa drei Jahrhunderten einer der blühendſten Seehäfen Frankreichs und überhaupt einer der erſten Europa's. Die Flotten ſeiner Kaufleute durchfurchten alle Meere; ſeine kühnen Seeleute zeichneten ſich durch vielfältige geographiſche Entdeckungen aus und fanden noch vor den Portugieſen den Seeweg um das Kap der guten Hoffnung. Die Einfuhr von Elephantenzähnen veranlaßte die noch heute in Dieppe exiſtirende Ma⸗ nufactur jener berühmten Elfenbeinſchnitzwaaren. Das Bombardement der Engländer im Jahre 1694, beſonders aber das Emporkommen Havre's vernichteten den Flor Dieppe's. Dagegen iſt es durch die Gunſt, welche ihm vor Jahren die Herzogin von Barry und in neueſter Zeit Napoleon III., der ſich als Knabe mit ſeiner Mutter, der Königin Hortenſe, hier mehrfach auf⸗ hielt, zugewendet haben, ein lebhafter Badeort geworden. Es iſt ein See⸗ Longchamp, eine weitere Arena der Eleganz, die ſich an Baden-⸗Baden und andere faſhionable Badeorte anſchließt. Aber ein Platz wohlthätiger Ruhe, ein Mittelpunkt ſtillen Genuſſes, eine reine Quelle Körper und Seele geſundmachender Einflüſſe— das kann dieſe Badeſt adt kaum genannt werden.—
Wir kehren zurück in das ehemalige Fiſcherdorf mit ſeinen:„Fried⸗ lichen Menſchen, ſo nah der Natur und dem Spiegel des Weltalls!“ Je größer die Natur um uns, deſto kleiner erſcheinen wir uns ſelbſt. Wenn das Meer ſtürmt und ſich an den zerklüfteten Felſen bricht, wenn der Eich⸗ wald braust und ein Orkan tauſendjährige Bäume entwurzelt, dann ſchauern wir zuſammen und beugen uns vor der Allgewalt des Weltenſchöpfers. Deß⸗


