Von der franzöſiſchen Nordküſte.
Ein Beitrag zur Geſchichte des Aberglaubens unter den Seeleuten.
Mitgetheilt von
Hugo Schranm.
Wie im Allgemeinen vom Erhabenen zum Lächerlichen meiſt nur ein Schritt iſt, ſo insbeſondere von der Frömmigkeit zum Aberglauben. Die Grenze beider iſt nur eine mathematiſche Linie. Indeſſen wäre es höchſt voreilig und irrig, jeden Aberglauben in das Gebiet des Lächerlichen zu ver⸗ weiſen: der Aberglaube iſt keineswegs eine abſolute Größe. Zeit und Um⸗ ſtände machen ihn ſehr mannigfaltig. Heute iſt er eine Schmarotzerpflanze, die an dem Baume des Glaubens hinaufrankt und ihn morgen zu überwu⸗ chern und zu erſticken droht; heute erſcheint er als der heilige Hort des gläu⸗ bigen Gemüths ſelber, der morgen, trotz aller Kämpfe, in den Strom der
— Vergeſſenheit verſenkt wird; hier zeigt er ſich im Schaffen eines überirdiſchen
Geiſterreichs und dort in der Annahme eingebildeter, unerwieſener Kräfte in der Natur; hier erſcheint er als die Umkehr von Urſache und Wirkung, dort als die falſche Conſequenz einer richtigen Prämiſſe; heute iſt er ein falſcher Cauſalnexus für einen ſpeciellen Fall, und morgen der Glaube an den noth⸗ wendigen Zuſammenhang des„Zufälligen“; hier treibt man mit ihm die Kinder zu Bette und bringt alte Weiber zum Schweigen, dort iſt er nichts Anderes, als die Poeſie des ſchlichten Verſtandes, der ſich bemüht, die Räth⸗ ſel der Natur zu löſen. 1
Zu dieſer letzteren Art gehört noch heute im Allgemeinen der Aber⸗ glaube der Seeleute. Die Natur, in der ſie leben, iſt zu groß und gewaltig für Sinn und Verſtand, ſie ſtaunen deren Wunder an und ſuchen ſie in ihrer


