Zeitschriftenband 
4 (1867)
Einzelbild herunterladen

Von Bernd von Guſeck. 19

ſchien, aufſtellen zu laſſen. In aller Morgenfrühe hatte er ſich dann ganz allein dahin begeben, um nachzuſehen, ob der Schreibtiſch unverſehrt ſei, äußerlich war er wenig beſchädigt geweſen, als er ihn aber hatte aufſchließen wollen, hatte er ihn zu ſeiner unangenehmen Ueberraſchung unverſchloſſen gefunden. Erbrochen nicht, denn keine Spur von Gewalt zeigte ſich, aber unverſchloſſen! Eine Summe in Gold, die er bei ſeiner Abreiſe darin zurück⸗ gelaſſen, lag in dem vorderſten Fache, er zählte in ungewohnter Sorglich⸗ keit gleich nach, es war eine runde Summe in Friedrichsd'or und kein Stück fehlte; als er aber das innerſte Fach öffnete, deſſen Inhalt ihm weit mehr am Herzen lag, fand er es leer: die drei Gegenſtände, die er dem Nachbar in Bornau bezeichnet hatte, Korallenſchnur, Haarpfeil und Medaillon ſie waren freilich ſehr lange nicht von ihm betrachtet worden, jetzt waren ſie ver⸗ ſchwunden! Wer konnte ſich an ihnen vergriffen haben? Ein gemeiner Dieb hätte doch wohl im vorderen Fache das Gold mitgenommen! Sollte er ſelbſt, was bei ihm allerdings nicht unmöglich war, bei ſeiner letzten Beſchäftigung im Schreibtiſche, alſo vor ſeiner Reiſe, denſelben nicht verſchloſſen haben? Dann hatte die Neugier oder Habſucht während ſeiner langen Abweſenheit viel Zeit zur ungeſtörten Durchforſchung gehabt, dann war die Entwendung nicht geſtern geſchehen, ſondern vielleicht ſchon vor mehreren Wochen; immer jedoch blieb die Frage, warum das Gold liegen geblieben und der an ſich werthloſe Inhalt des innern, ſchwer zu entdeckenden Faches verſchwunden war? Weßhalb hatte alſo der Graf ſeinen erſten Argwohn, daß der Dieb⸗ ſtahl geſtern im Wirrwarr unbeachtet geſchehen und der Thäter wie mit Blindheit geſchlagen nicht auf das erſte, ſondern auf das innere Fach geſtoßen ſei, beharrlich feſtgehalten und grade die in der ganzen Gegend als brave Leute bekannten Bornauer gegen ihren Gutsherrn verdächtigt?

Sichart's Antwort verſicherte ihn der Bereitwilligkeit, ſeinem ausge⸗ ſprochenen Wunſche nachzukommen und ohne Aufſehen forſchen zu laſſen, ſprach aber aus, daß er an einen Diebſtahl der angegebenen Sachen von Sei⸗ ten eines Landmannes nicht glauben könne, und meldete ſich zu einem Beſuch an, um mit dem Grafen darüber nähere Rückſprache zu nehmen und ſich zu⸗ gleich von der Verheerung zu überzeugen, welche das Feuer an dem Schloß⸗ flügel, wo er in jüngeren Jahren ſo glückliche Tage verlebt, angerichtet hatte. Der Graf murmelte bei dieſer Stelle etwas vor ſich hin und legte das Bil⸗ let unmuthig beiſeite. Noch im Laufe des Vormittags traf Sichart auch ein und wurde trotz der ſeltſamen Reden, welche das gräfliche Ehepaar über

9* 17