12 Das Kind des Südens.
ſchon mehr als einmal verwieſen. Sie machte ſich ſonſt mit den Leuten zu⸗ weilen einen Scherz, und auch mit Riedel, der hatte es gar nicht ungern— das iſt aber ſchon längſt vorüber, ich wollte, das Kind wäre noch ſo heiter. — Sie iſt freilich kein Kind mehr!“ ſetzte ſie mit einem halben Seufzer hinzu.—„Wie alt iſt ſie denn eigentlich? Einige zwanzig wohl nun, ſo viel ich rechnen kann,“ ſprach Sichart.—„Fünfundzwanzig,“ antwortete die Frau.„Sie war zwölf Jahre alt, als ſie zu uns kam.“ Riedel trat eben ein und ſah wohl an der Miene der Frau Sichart, daß alles beſprochen war. Er fing daher beim Frühſtück ſelbſt von dem verlore⸗ nen oder geſtohlenen Thorſchlüſſel zu reden an, zeigte auch auf die Schleife, die er vor der Frau liegen ſah, und ſagte mit einem halb ärgerlichen Lachen: „Ja, das habe ich vielleicht mitgeſchleppt, wenn's nicht mein Schlüſſeldieb verloren hat. Da konnte man ſich vor Frauenzimmern gar nicht retten, wenn man auch ſonſt gar nichts mit ihnen zu thun haben mag. Sie nehmen's mir weiter nicht übel, Frau Sichart. Ich mußte zuerſt an unſere Flora denken, weil die ſich manchmal auch eine feuerrothe Schleife in ihre kohlſchwarzen Haare ſteckt— aber ſie wirds ja nicht geweſen ſein.“—„Sie wird's nicht?“ wiederholte die Sichart.„Sie kann's nicht geweſen ſein, Riedel! Das wiſſen Sie ſo gut, wie ich, ſollten es wenigſtens wiſſen. Feuerroth iſt doch auch dies Band nicht, ſondern himmelblau.“—„Kommt auf eins heraus, Frau Sichart,“ entgegnete Riedel, der ſein Frühſtück unterdeſſen in Angriff genommen hatte.— Die Sichart lachte.„Es wäre Ihnen ſchon recht, wenn Flora Ihnen auf den Verdacht ſelbſt die Antwort geben könnte. Schade, daß mein Mann Ihnen halb und halb verſprochen hat, das Mädchen nicht
zur Rede zu ſtellen.“—„Ich werde ſie ſelber nach der Schleife fragen,“—7 verſetzte Riedel ſchlürfend und kauend.„Sie weiß vielleicht, wer in Hohen⸗ ſtein ſolche blitzblaue Schleifen trägt, am Ende die alte Jungfer der Gräfin, die Trude oder Traud, wie ſie ſich lieber nennen hört.“ Flora trat eben ein, wie gerufen. Wer ſie zum erſtenmal ſah, mußte *
ſie, wenn auch nicht für eine Zigeunerin, aber doch immer für eine Tochter des Morgenlandes halten. Schlank und ſchmiegſam war ſie, von ſchönen Formen, ihr Teint etwas dunkel, aber friſch und lebenswarm, der Schnitt ihres ovalen Geſichts fremdartig, doch nicht ſcharf, wie etwa der einer Jüdin, welchem Typus ſchon ihr Profil widerſprach; die ſchwarzen Augen hatten ein Feuer, das in Luſt und Heiterkeit, beſonders in früheren Jahren, freudig aufſprühen, in weicheren Gefühlen aber wahrhaft bezaubernd ſtrahlen konnte; fein gezogen und regelmäßig waren die Brauen von demſelben tiefen Schwarz,


