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Von Bernd von Guſeck. 13
wie das üppig reiche Haar, das in ſtarke Flechten gelegt war— vor allem reizend war aber der Mund mit ſeinen blühenden Lippen und der Perlen⸗ reihe, welche jedes Lächeln, nur jetzt leider ſo ſelten, hervortreten ließ. Frau Sichart hatte ſich des armen, verlaſſenen Kindes einſt angenommen, und Flora war in ihrem Hauſe aufgewachſen.
Unbefangen bot dieſe dem Verwalter einen guten Morgen und legte dann neben Herrn Sichart einen Brief, welchen ſoeben der Reitknecht des Hohenſteiner Grafen gebracht hatte. Während Sichart den Brief las, nahm Riedel die Schleife, deren er ſich bemächtigt, in die Höhe und fragte das Mädchen, ob ſie vielleicht wiſſe, wem das Ding gehöre. Er ſah ihr dabei recht ſteif in das Geſicht, doch hätte er viel mehr Scharfblick, auch geiſtigen, haben müſſen, als er ſich deſſen rühmen konnte, um wahrzunehmen, welchen Eindruck ſeine überraſchende Frage auf ſie machte.—„Zeigen Sie!“ ant⸗ wortete Flora, die Hand ausſtreckend, und als er ihr das Band gegeben, fragte ſie mit einem ſchnellen, verwunderten Aufblick:„Wie kommen Sie zu meiner Schleife?“
„Sehen Sie, Herr Sichart? Sagt' ich's nicht?“ rief der Verwalter und Sichart ließ den Brief, den er las, mit der Hand ſinken.—„Weißt du wirklich nicht, Flora, wie ich zu deiner Schleife komme?“—„Ich habe ſie verloren— Sie müſſen ſie gefunden haben,“ antwortete Flora ruhig mit einem halben Lächeln.—„Gefunden, ganz richtig!“ verſetzte Riedel.„Aber wo gefunden? Frage nur den Herrn, der weiß, wo ſie gefunden worden iſt. Was ſagen Sie nun, Frau Sichart? Habe ich Recht gehabt? Nicht wahr,
—Jlora, du haſt ſie in der Quetſche beim Feuer in Hohenſtein aus den Haaren
verloren und ich mußte ſie grade vor meinen Füßen finden und aufleſen, gelt?“—„Ich habe dieſe Schleife geſtern nicht getragen,“ ſagte das Mäd⸗ chen und nur ihre Herrin bemerkte, daß ihr Ton nicht mehr ſo ruhig war, daß jenes Lächeln, welches um ihren Mund geſpielt, verſchwunden war und ihre Züge ſich ſpannten, während ihre Augen funkelten. Frau Sichart kannte dieſe Zeichen, welche ſtets verriethen, wenn Flora ſich verletzt fühlte.„Ich trage ſchon lange keine blauen Schleifen mehr!“—„Aber du ſagſt ja ſelbſt, daß es deine Schleife iſt, Mädel!“ rief der Verwalter.— Ehe Flora ant⸗ worten konnte, winkte ihr Frau Sichart, welche unterdeſſen aufgeſtanden war.—„Nimm ſie nur mit, Kind,“ ſprach ſie freundlich.„Sie gehört dir, wenn du ſie auch nicht mehr trägſt— ich weiß, daß du ſchon lange nur Pon⸗ ceau liebſt.“ Auf einen wiederholten Wink entfernte ſich Flora, obgleich man es ihr anſah, daß ſie Riedel gern geantwortet hätte; ſie war aber ge⸗


