10 Das Kind des Südens.
habe das Thor zugeſchloſſen, habe den Schlüſſel wie immer mit in meine Stube genommen: er muß alſo geſtohlen ſein.“—„Aus Ihrer Stube?“ rief Sichart.„In der Nacht, während Sie hier ſchlafen? Sollte jemand das wagen?“—„Ich ſchlafe feſt, da iſt nichts zu riskiren!“ erwiderte der Verwalter, ſeinen Verdacht hitzig verfolgend,„daß ich mich nicht in der Stube hier einſchließe, weiß jedes Kind auf dem Hofe. Ich kann Ihnen auch gleich ſagen, wer den Schlüſſel geholt hat. Keine andere Seele, als die Schwarze!“—
„Flora?“ entgegnete Sichart unwillig.„Aus welchem Grunde ſollte ſie den Thorſchlüſſel bei Ihnen holen? Was ſollte ſie damit gewollt haben?“ —„Zigeunerblut! Luſt am Unfug! Ausrücken, wenn ſie einmal nacht⸗ wandeln will!“—„Laſſen Sie das meine Frau nicht hören!“ erwiderte der Gutsherr.„Sie thun dem Mädchen Unrecht. Stellen Sie ſich über⸗ haupt nicht ſo böſe, Riedel, Sie ſind ihr ſelbſt gut!“—„Herr Sichart!“ verwahrte ſich der Verwalter entrüſtet.—„In allen Ehren, verſteht ſich!“ beſchwichtigte ihn Sichart.„Es koſtet ja übrigens nur eine Frage. Meine Frau ſoll ihr die Schleife vorhalten und ſie fragen, ob ihr dieſelbe gehört — iſt es Ihnen recht?“—„Ach— das möchten wir doch lieber bleiben laſſen,“ erwiderte Riedel.„Wenn die Schleife von ihr iſt, ſo kann ſie mir freilich in Hohenſtein an einem Rockknopfe oder dergleichen hängen geblieben ſein, ich habe das Mädel dort geſehen, Gott weiß, wie ſie hingekommen iſt, auf einmal waren wir beide neben einander im Gedränge und ich mochte ihr wohl weh thun mit meinen Knochen, denn ſie ſchoß mir einen Blick zu, als wollte ſie mich umbringen, dann lachte die Hexe und huſchte fort, wie eine Maus. Es kann aber auch ſein, daß ſie das Ding hier erſt verloren hat, denn kein anderer Menſch hat mir den Schlüſſel hier weggeholt.“
Sichart nahm die Schleife mit, um ſie wenigſtens ſeiner Frau zu zei⸗ gen, da ihn Riedel wiederholt bat, daß die Schwarze nicht zur Rede geſtellt werden ſollte.„Geſtehen wird ſie's doch nicht, daß ſie den Schlüſſel genom⸗ men hat, und wenn ihr die Schleife nicht gehört, ſo kann ſie mich auf meine alten Tage noch in's Gerede bringen. Sie glaubten ja auch ſchon Schlech⸗ tes von mir, als Sie das Ding auf der Erde liegen ſahen. Ihre Frau kennt mich beſſer, ſie wird nichts Uebles von mir denken, aber meine Reputation vor den Leuten iſt mir doch auch lieb, und das Mädel iſt rachſüchtig, wie eine Schlange.“—„Sie ſprechen heute dem armen Kinde alles Böſe nach, ich weiß aber doch, daß Sie es gut mit ihr meinen, denn Sie redeten ihr ja ſo ſehr ab, nach Hohenſtein zu gehen, als meine Frau es ihr freigeſtellt hatte,


