Zeitschriftenband 
4 (1867)
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Von Bernd von Guſeck. 9

machte.Dort am Fenſter hängt der Rock, der Schlüſſel muß in der Taſche ſtecken, ich habe das Thor zugeſchloſſen und den Schlüſſel mitgenommen wie können Sie glauben, daß ich das Thor werde offen ſtehen laſſen!

Allerdings hatte Riedel den guten Ruf von dreißig Jahren, welche er als Verwalter in Sichart's Dienſt zugebracht hatte, für ſich und ſtand bei ſeinem Herrn im beſten Anſehen, ſo daß dieſer ihn mehr wie einen Freund, als einen Untergebenen behandelte, auch in vielen perſönlichen Verhältniſſen zu Rathe zog. Sichart fand alſo in dem Verlangen ſeines Verwalters, daß er ſelbſt nach dem Schlüſſel ſich bemühen ſollte, durchaus nichts Unge⸗ höriges, ſondern ging gelaſſen nach dem Fenſter, die Taſchen des naſſen Rockes zu unterſuchen, während Riedel ohne Umſtände aus dem Bette ſtieg. Hier iſt der Schlüſſel nicht, ſagte Sichart, nachdem er alle Taſchen durch⸗ ſucht hatte. Im Thorſchloſſe hat er auch nicht geſteckt. Sie müſſen ihn vom Thor bis zum Hauſe verloren haben.Ich habe in meinem Leben noch keine Stecknadel verloren! brummte Riedel, indem er ſich haſtig ankleidete. Sichart bückte ſich und hob einen Gegenſtand, der ihm plötzlich in die Augen fiel, vom Fußboden auf.Aber hier hat jemand etwas Anderes verloren! ſagte er, ſeinen Verwalter mit einem verwunderten und mißbil⸗ ligenden Blicke meſſend.Schämen Sie ſich denn nicht, Riedel?

Es war eine Bandſchleife, welche Sichart auf der Diele am Fenſter gefunden hatte. Er hielt ſie dem Verwalter entgegen, deſſen braunes Ge⸗ ſicht bei dieſem Anblick roth unterlief. Mit einem wenig unterdrückten Fluche bemächtigte er ſich der Schleife, beſah ſie von allen Seiten und rief dann, zornig durch die Naſe ſchnaufend:Sie werden doch nicht glauben, Herr Sichart, daß ich noch auf meine alten Tage über die Stränge ſchlage? Was geht mich der Bandfetzen an? Es iſt mir vielleicht im Gedränge beim Feuer am Rocke hängen geblieben, da waren ſo viel Weibsleute, daß man ſich erſt gar nicht rühren konnte! Er warf die Schleife auf den Tiſch und ſuchte wieder murrend nach dem Schlüſſel, der ſich jedoch nicht fand.

Laſſen Sie es nur gut ſein, Riedel, wenn er auch verloren iſt, ſagte Sichart in ſeinem gewohnten wohlwollenden Tone,wir haben ja noch einen zweiten.Hat denn das Thor wirklich offen geſtanden? fragte Riedel. Offen nicht, aber unverſchloſſen, antwortete der Gutsherr.Beruhigen Sie ſich doch nur, es iſt ja kein Unglück und kann jedem paſſiren, beſonders in einer Nacht, wie die heutige, in der Sie redlich das Ihrige geleiſtet haben. Erlauben Sie, Herr Sichart! verſetzte Riedel.Paſſiren kann's jedem andern, mir aber nicht, und darum kann ich mich auch nicht beruhigen. Ich

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