6 Das Kind des Südens.
thuſt ihr Unrecht, Sichart,“ entgegnete ſie.„Wenn ſie vielleicht auch körper⸗ lich nicht ſo krank iſt, als es den Anſchein hat, ſo leidet ſie doch im Gemüth und das iſt ſchwerer.“—„Und wenn das wirklich der Fall iſt, wem gibſt du denn die Schuld? Ihm allein?“ fragte er.—„Das— thue ich nicht!“ er⸗ widerte ſie ſanft, aber nicht ohne Ueberwindung.—„Wir haben ſchon ſo oft darüber geſprochen, Sichart, einig werden wir darüber doch nicht. Ich wollte, du könnteſt ſie einmal ſo recht und ſo lange beobachten, wie ich es gekonnt habe, als ſie noch jung war, dann würdeſt du anders von ihr denken.“— „Ich habe ſie auch beobachtet und zwar in der allerhärteſten Prüfung, die hat ſie ſchlecht beſtanden. Viel Menſchenkenntniß, glaube ich, gehört nicht dazu, die Frau Gräfin von Amberg in ihrem Sein und Weſen zu durch⸗ ſchauen.“—„So denken Männer über jede Frau! Durchſichtiges Glas, nicht wahr? Oh, wie täuſchet ihr euch doch!“ 1 Er zeigte nach dem Feuerſchein, der an Stärke immer mehr zunahm und ihr Geſpräch wurde dadurch von dem Gegenſtande, auf den es ſich ge— richtet, abgelenkt. In dem alten Schloſſe mußte der Blitz viel Brennſtoff ge⸗ funden haben, um alsbald dieſe mächtige Glut zu entzünden; Sichart äußerte das und ſeine Frau fand darin wieder einen Doppelſinn, weil er, vielleicht ohne alle Abſicht, das Wort Brennſtoff beſonders betont hatte. Freilich gab es in Hohenſtein auch viel anderen Brennſtoff, als das uralte mächtige Sparrwerk des Daches, das einſt einen ganzen Wald verſchlungen zu haben ſchien. Roſalie Sichart kannte dieſen Zündſtoff, der keineswegs materieller. Natur war, beſſer als ihr Mann, wenn dieſer auch in Hohenſtein ſehr be⸗ kannt war. In ſeinen jungen Jahren hatte er mit dem Vater des jetzigen Grafen in den freundſchaftlichſten Beziehungen geſtanden, Reiſen mit ihm gemacht und ſogar eine Zeitlang bei ihm gewohnt, während er auf ſeinem eigenen Gute, das ihm durch Erbſchaft zugefallen war, ſtatt des alten häß⸗ lichen Gemäuers, das die Ironie herausfordernd nach Landesart ein Schloß genannt wurde, ein neues bequemes und gefälliges Wohnhaus bauen ließ. Das war nun über vierzig Jahre her, Graf Heinrich, Sichart's Freund, ſchon dreißig Jahre todt, Sichart ſelbſt ein Greis, ſein Haus mit ihm ge⸗ altert und von den ſpäter erbauten Landhäuſern der Nachbarſchaft längſt in Schatten geſtellt— das alte Schloß Hohenſtein aber, an das ſich manche ſchöne Erinnerung ſeiner Jugend knüpfte, ſtand in hellen Flammen. Sichart war ſo vertraut mit der dortigen Oertlichkeit, daß er den Flügel glaubte be⸗
zeichnen zu können, in welchen der Blitz eingeſchlagen hatte. „Was wollte Flora eigentlich in Hohenſtein?“
fragte er ſpäter ſeine
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