4 Das Kind des Südens.
faltete die Hände: es war aber nicht das ſchwarze Gewölk vor ihren Augen, das ſie bange zum Himmel aufblicken ließ. Die Gefahr, für deren Abwen⸗ dung ſie betete, war eine ganz andere. Auch ſie, wie Millionen von Men⸗ ſchen im deutſchen Vaterlande, hatte draußen im Kriege ein Leben, für das ſie zitterte. 1
Als ſie ſich lebhaft des Abſchiedes erinnerte, der leicht ein ewiger wer⸗ den konnte, zerriß ein Blitz die Wolken mit zackigem Strahl; nach kurzer Pauſe rollte ein lang anhaltender Donner über den ganzen Himmel von Weſt gen Oſt. Jetzt erhob ſich auch der Wind wieder und wurde bald zum Sturme, welcher die Kronen der alten Eichen drüben im Walde brauſend erſchütterte. Frau Sichart trat vom Fenſter zurück. Nach einer Weile kam ihr Mann wieder herein und legte, wie er bei ſchweren Gewittern zu thun pflegte, auch im Zimmer für den Fall eines Unglücks manches zurecht. Er konnte zwar ſeiner Beſonnenheit auch in gefährlichen Momenten ziemlich ſicher ſein, aber in der Vorſicht alter Zeiten aufgewachſen, verſäumte er nie, was dieſe gebot. Auf dem Lande, wo die Bewohner immer erſt nach gerau⸗ mer Zeit nachbarliche Hülfe zu erwarten haben, ſind Anſtalten für die Ge⸗ fahr doppelt nöthig, während der ächte Großſtädter, ſelbſt wenn im eigenen Hauſe zur Nachtzeit Feuer ausbricht, im Vertrauen auf ſeine Feuerwehr ſich kaum entſchließt, das Bett zu verlaſſen.—„Wo iſt Flora?“ fragte Sichart dann.„Sie läßt ſich ja heut gar nicht ſehen.“—„Sie iſt nach Hohenſtein gegangen,“ erwiderte die Frau.„Der Regen wird ſie dort feſtgehalten haben.“
Draußen dämmerte es bereits, obgleich der Hochſommerabend das noch
nicht rechtfertigte. Im Zimmer wurde es ſo dunkel, daß Frau Sichart nach der Thüre ging, die Lampe bringen zu laſſen.„Die Blitze leuchten uns ge⸗ nug, Roſel,“ ſagte jedoch der Mann.„Es iſt ja für alles geſorgt, die Leute ſind achtſam. Wir können die Großartigkeit des Gewitters beſſer bewun⸗ dern, ich weiß, daß du dich nicht fürchteſt. Im Volke nennen ſie es eine„Un⸗ gnade“. Das iſt noch die alte Vorſtellung, welche im Gewitter eine Kund⸗ gebung des zürnenden Gottes erblickt, während es doch entſchieden Segen bringt.“—„Einzelnen doch auch Schaden und Unglück,“ warf Frau Sichart ein.„Du weißt, ich fürchte mich nicht, aber daß bei dieſem Aufruhr in der Natur der Gedanke an Grauen und Vernichtung den meiſten Menſchen näher liegt, als die Hoffnung auf künftigen Segen, wirſt du zugeben. Ich wollte, Flora wäre erſt glücklich zu Hauſe.“—„Das Mädel iſt herzhaft und klug,“ erwiderte Sichart.„Sie wird ſich nicht in Gefahr begeben
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