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Von Bernd von Guſeck. 3
„Die ſchöne Ausſicht kommt wieder, Roſel, und das Schloß bleibt ſtehen. Ich dächte, auch das mehr abgeſchloſſene Bild über das Land, das wir jetzt vor uns haben, machte ſich hübſch. Wir leben ja ſelber abgeſchloſſen von der Welt und ſind zufrieden dabei.“—„Ja, Sichart!“ ſtimmte die Frau ihm bei.„Wenn uns die Welt nur in unſerem ſtillen Winkel zufrieden läßt! Wer weiß, was jenſeits der Berge vorgeht und ob nicht doch noch ein Rück⸗ ſchlag kommt und in dieſem Augenblicke, ohne daß wir's ahnen, dort oben ſchon alles von ſchlimmen Gäſten wimmelt.“—„Dort oben gewiß nicht, Roſel,“ entgegnete Sichart lächelnd.„Wie ſollten ſie dahin gelangen? Glaubſt du, ſie werden über den Altvater und die Hohe Eule kommen mit Reitern, Kauonen und ſogar mit Schiffbrücken?“—„Verſpotte mich nur!“ ſagte ſie.„Du haſt Recht. Mein Gemüth iſt zu zaghaft. Ich weiß nur, daß alte Leute, die es von ihren Eltern und Großeltern gehört haben, viel von den Einfällen im ſiebenjährigen Kriege erzählen, von denen grade unſere Gegend mehrmals heimgeſucht worden iſt. Du verſtehſt aber dieſe Dinge beſſer und mußt daher meine kindiſche Beſorgniß lächerlich finden.“—„Ach nein, Roſel,“ erwiderte er.„Ich verſtehe vom Kriege nichts weiter, als was auch der ſchlichte Bürger und Landmann begreift. In Gegenden, wo keine Eiſenbahnen ſind, ſpielt ſich der Krieg mit den großen Armeen heutzutage nicht. Die Eiſenbahnen ziehen die Kriegsblitze an, große Heeresmaſſen brau— chen ſie zu ihrer Anſammlung, um Schlachten zu liefern und weiter zu ziehen, alſo können wir hier ruhig ſein, auch wenn der Krieg, was Gott verhüten wird und alle Menſchen für unmöglich halten, nach den großen Siegen noch einen Rückſchlag bringen ſollte.— Worauf lauſcheſt du?“—„Es klang wie Donner,“ antwortete ſie und horchte noch immer hinaus.—„Wohl möglich! Es war ſchwül genug,“ ſagte er.„Geſtehe es mir aber, du dach⸗
teeſt an Kanonendonner.“— Sie lächelte.„Ich will nicht unwahr ſein. Der
Gedanke flog mir allerdings durch den Kopf, lache mich nur aus. Im Augenblicke hat man keine Ueberlegung. Hörſt du es jetzt?“
Es donnerte wirklich ganz vernehmlich; in den Wolken gegen Weſten machte ſich ein dunkles Zuſammenballen bemerkbar, das gegen die fahler werdende Färbung des übrigen Himmelsraumes ſeltſam und drohend ab⸗ ſtach. Ein Gewitter war entſchieden im Anzuge; der Wind legte ſich plötz⸗ lich, der Regen hörte faſt ganz auf, eine drückende Schwüle drang in das Zimmer. Sichart ſtand auf und ging hinaus, um Verhaltungsbefehle im Hauſe und auf dem Hofe zu geben. Die alte Frau blieb allein zurück und
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