2 Das Kind des Südens.
ſicht, das nur wenig die dunklere Hautfärbung des Alters angenommen hatte, zeigte um den Mund und das Kinn ſo gar nicht die ſcharfen Linien, welche jene Kämpfe zu hinterlaſſen pflegen, daß wohl jeder, der ihre Vergan⸗ genheit nicht kannte, von ihr glauben mußte, daß ſie nur auf blumigen Pfa⸗ den durch ihr Leben gewandelt ſei.
Die beiden alten Leute waren im freundlichen liebreichen Geſpräch. Nur zu oft ſieht man ſonſt Ehegatten im Alter ſtundenlang ſtumm beiſam⸗ men ſitzen, als ob ſie ſich in ihrem langen Leben ganz ausgeſprochen und ein⸗ ander gar nichts mehr zu ſagen hätten. Mancher, der einſt in ſtürmiſcher Jugendliebe jede Stunde für verloren erachtet, die er fern von der Geliebten zugebracht, manche Frau, die als Mädchen vom Zauber der erſten Herzens⸗ neigung befangen, ſich nur in der Nähe des theuren Freundes glücklich ge⸗ fühlt hat— wie ſitzen ſie doch, nachdem ſie lange Jahre in Freud' und Leid vereint gegangen, im Alter gar oft ſo ganz erkaltet neben einander! Wäh⸗ rend ſie einſt in ſüßem Geplauder als Brautpaar oder in traulicher Unter⸗ haltung als Eheleute auch ihre kleinſten Erlebniſſe beſprochen und immer freundliche Worte für einander gehabt, müſſen ſie ſich jetzt erſt beſinnen, durch welche gleichgültige Frage oder Bemerkung ſie das endlich drückend werdende Schweigen brechen ſollen. Das iſt ſehr traurig, kommt aber leider allzu häufig vor und wird damit beſchönigt, daß alte Leute keine Liebestän⸗ deleien mehr zu treiben haben. Tändeleien freilich nicht! Wo aber die Liebe im Lauf der Jahre nicht abgeſtorben iſt— und das wird ſie nimmer ſein, wenn ſie eine wahre Liebe und nicht ein bloßes äußeres Wohlgefallen ge⸗
weſen!— da ſucht ſie auch im Alter das Auge und das Wort des treuen
Lebensgefährten, und rechte Ehegatten fühlen ſich nie zufriedener, als im trauten ungeſtörten Zuſammenſein.
Der Tag neigte ſich zum Abend. Ein ſtärkerer Wind erhob ſich, ver⸗ mochte aber nicht, die Wolken zu zerreißen, welche ſich ſeit den Mittagsſtun⸗ den über den ganzen Himmel gezogen hatten. Der Regen wurde immer dichter und beſchränkte den Geſichtskreis, der ſonſt aus dieſem Zimmer ein ziemlich weiter war. Bei guter Beleuchtung konnte man auf dem Gebirge, deſſen blaue Kuppen ſich in der Entfernung weniger Stunden dahin zogen, manches hochgelegene Gebäude deutlich erkennen, heut waren die Umriſſe der fernen Berge ſehr bald von Schleiern verhüllt worden, jetzt ließ ſich nicht einmal mehr das impoſante Schloß auf der nahen Höhe, das die ganze Ge⸗ gend beherrſchte, recht unterſcheiden.
Als die Frau am Fenſter dieſe Bemerkung machte, erwiderte der Mann:


