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Zur Lecture. 475
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ſehen. Und dennoch ſind wir beſſer daran als die Damaligen und be⸗ fähigter zu einem billigen und objectiven Urtheil, da uns keine neue Schöpfung mehr in demſelben irre machen oder dasſelbe modiſiciren kann, da wir Tiecks Dichterthätigkeit als eine abgeſchloſſene vor Augen haben. Wir können es jetzt beſtimmter ausſprechen, als es zu jener Zeit irgend jemand vermochte: Tieck hat ſich, einen wie hohen Rang er unter unſeren Dichtern behauptet, nie und nirgends zur höchſten Stufe erhoben. Er war niemals mehr als der, alle übrigen freilich weit überragende Führer einer Schule; er wurde niemals mehr als der Dichter für einen großen und treuen, aber mit und in einer beſtimmten Bildungsſtufe abgeſchloſſe⸗ nen Kreis; ſelten oder nie erhob er ſich in ſeinen Dichtungen bis zu dem, was Dichterwerke unſterblich macht,— das iſt, daß ſie treffen und ausſprechen, was im Herzen und Geiſt des Menſchen zu jeder Zeit das Tiefſte und Höchſte bleibt, das allgemein und rein Menſchliche, welches niemals einem Wechſel unterworfen iſt. Wer, mit einem Wort, Tieck verſtehen oder gar lieben ſoll, muß ihm einen verwandten Geiſt, ein ver⸗ wandtes Herz entgegentragen, eine Forderung, der von jeher nur wenige genügten und eine immer beſchränktere Zahl genügen wird. Denn über Auffaſſung und Anſchauung ſeiner Zeit hat er ſich nicht erhoben, und von einem wirklichen Fortleben und Fortwirken ſeiner Schriften kann daher keine Rede ſein.
Wenn wir nun aber Tieck's Schriften nicht mit den Augen des einfachen, nach augenblicklicher Anregung und Unterhaltung verlangenden Leſers— und wir fürchten, daß es für ihn in Wirklichkeit ganz außerordentlich wenige mehr gibt,— noch mit denen des ihre dauernde Wirkungsfähigkeit beurtheilenden Kritikers, ſondern nur vom litterar⸗hiſto⸗ riſchen Standpunkt betrachten und abſchätzen, ſo werden wir ihnen freilich eine ganz andere Bedeutung, einen ganz unendlich höheren Werth zuge⸗ ſtehen müſſen. Hier behauptet er als Dichter nicht nur den Platz unmit⸗ telbar nach den Dichterfürſten, mit denen er noch gleichzeitig ſchuf, ſon⸗ dern er tritt auch als Haupt der romantiſchen Schule neben ſie, inſofern man damals im Publikum und Kritik dieſer Schule und ihren Schöpfun⸗ gen gar nicht ſelten eine mindeſtens gleiche, wo nicht größere Geltung zugeſtand als der von Goethe und Schiller vertretenen, reineren und ewi⸗ Er trat endlich, da er mit dem Beginn ſeiner Novellen
geren Richtung. den Platz, den der alters⸗
(1823) ſich zu einer neuen Thätigkeit erhob, auf


