Zur Lecture. Allerlei.
K. v. Holtei, Briefe an Ludwig Tieck. Band 1, 2. Breslau. Trewendt. 1864.
Der Verfaſſer dieſer Anzeige muß es vor allen Dingen bekennen und betonen, daß er, obgleich ſchon der mittleren Generation angehörend, zur Lecture von Dichterwerken und zum Nachdenken über dieſelben dennoch erſt in einer Zeit gelangte, wo es mit der romantiſchen Schule und auch mit dem eigentlichen Tieck⸗Cultus bereits zu Ende war. Man redete da⸗ mals mehr von Tieck dem Vorleſer, als von Tieck dem Dichter, und wo dieſer zuweilen noch mit neuen Schöpfungen auftrat,— wir denken hier z. B. an einzelne Novellen in der Urania, an den jungen Tiſchlermeiſter und an die Vittoria— waren dieſe trotz aller Vortrefflichkeit in ihrer Art, wenig dazu angethan, ihm auch unter den Jüngeren neue Verehrer zu erwerben, geſchweige denn irgend jemand zu einer Lecture ſeiner älte⸗ ren Schriften zu verlocken. Wer hiezu dennoch kam, mußte ſich vermuth⸗ lich enttäuſcht ſehen. Die ganze Anſchauung und Auffaſſung der Natur, des Lebens, der Kunſt, des Mittelalters und ſeiner Dichtungen war ſchon eine völlig andere geworden, man verſtand dieſen Witz nicht mehr und hatte für die„Jronie“, dies Hauptingrediens Tieckiſcher Denk⸗, Dicht⸗ und Schreibweiſe, den Sinn verloren, während überdies die meiſten der Beziehungen, durch welche ein Theil der älteren Schriften für die alten Verehrer intereſſant und ergötzlich gemacht wurden, den Jüngeren gar nicht mehr verſtändlich waren.
Das fand damals, zu Ende der dreißiger Jahre, ſtatt und kann ſich heutzutage nicht gebeſſert haben, da wir auch über jene Zeit wieder weit hinausſchritten und auf das damals„Ueberwundene“ noch weiter zurück⸗


