Jahrgang 
4 (1864)
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Von Wilhelm Müller. 469

ſein. Nach Verlauf dieſer Zeit trat der Sheriff Andrews in das Ora⸗ torium, worauf Maria aufſtand, das Krucifix vom Altar in die rechte, das Gebetbuch in die linke Hand nahm. Ihre Diener baten vergebens, ihr folgen zu dürfen; es wurde ihnen nicht geſtattet; die Königin beruhigte ſie und ertheilte ihnen, während ſie knieten und ihre Hände küßten, den Segen. Als ſich die Thüre hinter Maria ſchloß, ertönte im Saal ein lautes Jammergeſchrei. Sofort traten die Grafen und Paulet zu ihr, und an der Stiege fand ſie ihren Haushofmeiſter Melville, dem ſeit mehreren Wochen der Zutritt zu ihr verboten worden war. Er fiel auf die Knie und rief händeringend:Ach gnädigſte Frau, wie bin ich unglückſelig! War je ein Menſch auf Erden der Ueberbringer ſolcher Trauerbotſchaft, als ich ſein werde, wenn ich erzähle, daß meine gute gnädige Königin und Frau in England enthauptet wurde? Maria tröſtete ihn damit, daß er das Ende ihrer Leiden ſehen werde.Guter Melville, lebe wohl! ſagte ſie endlich weinend und küßte ihn;noch einmal, guter Meloille, lebe wohl und bete für deine Königin!

Zu den Grafen ſich wendend bat ſie, daß ihre Dienerſchaft bei ihrem Tod zugegen ſein dürfe. Der Graf von Kent ſchlug es ab, da ſie zu große Störung verurſachen würde. Maria entgegnete:Mylords, ich verbürge mich für ſie; ſie werden keinen Tadel verdienen. Gewiß wird eure Gebieterin, da ſie eine jungfräuliche Königin iſt, um der Weiblichkeit willen geſtatten, daß ich im letzten Augenblick einige meiner Frauen bei mir habe. Da ſie keine Antwort bekam, fuhr ſie fort:Ich glaube, ihr würdet mir weit größere Höflichkeit bezeigen, wenn ich einen geringeren Namen als den der Königin von Schottland trüge. Als alle ſchwiegen, fragte ſie mit Heftigkeit:Bin ich nicht die Baſe eurer Königin, ent⸗ ſprungen aus dem königlichen Blute Heinrichs des Siebenten, eine ver⸗ heirathete Königin von Frankreich und geſalbte Königin von Schottland? Endlich gaben die Grafen nach und geſtatteten ihr, vier ihrer männlichen

und zwei ihrer welblichen Diener auszuwählen, worauf ſie ihren Haus⸗ hofmeiſter, ihren Arzt, Apotheker und Wundarzt und ihre Kammerfrauen Kennedy und Kurle bezeichnete.

Nun ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Voran gingen der Sheriff und ſeine Beamten, dann Paulet, Drury und die beiden Grafen, hierauf die Königin von Schottland, welcher Melville die Schleppe trug. Sie hatte zu ihrem letzten Gang ihre reichſte Kleidung angelegt. Ihr Kopfputz

war von ſeinem Linon mit Spitzen eingefaßt, ein Schleier von gleichem