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Von Bernd von Guſeck. 23
noch in den unteren Volksklaſſen zu finden: es liegt darin eine traurige Wahrheit. Mehr und mehr verſandet das Flußbett gemüthlicher Geſellig⸗ keit und die wohlthuenden Wellen, welche auch die höheren Uferſtrecken er⸗ quickt hatten, treten immer weiter zurück und umſpielen nur noch die nie⸗ deren Ränder. Alles Raffinement der Feſtlichkeiten, aller Glanz und Luxus, bis in das Wahnſinnige getrieben, ſchirmt die Salons nicht mehr vor dem Hausgeſpenſt der Langenweile, das in hundert Geſtalten verlarvt umherſchleicht, um das Vergnügen zu tödten. Man kann frappirt, eblouirt, durch pikante Erſcheinungen momentan animirt ſein, ſogar bis zur Extaſe, aber vergnügt, im ächten deutſchen Sinne, iſt man nicht mehr, man ſchämt ſich, noch Freude an längſt abgenutzten Dingen zu haben, man be⸗ lächelt ſpöttiſch die Kindlichkeit, welche die jugendliche Friſche noch nicht abgeſtreift hat und wirklich Gefallen am Spaß zeigt— und dieſer kalte, ironiſche, überſättigte Geiſt, gehegt und gepflegt durch frivole Lecture, theilt ſich mit, wie das ſchnellſte Gift der Anſteckung. Schon fangen auch die mittleren Klaſſen in unſerem Norddeutſchland an, ſich einer harmloſen Heiterkeit zu ſchämen; auch ſie werden, bei aller Steigerung ihrer hochge⸗ ſchraubten Geſelligkeit, ernſthaft, geſpreizt und langweilig, ohne dafür die äußeren glatten Formen zu gewinnen— und die Luſtigkeit iſt geächtet, wie das arme beſitzloſe Volk, dem der liebe Gott dies einzige Lethetröpf⸗ lein in ſeinem Kelche des Elends erhalten möge!
Auf dem Jahrmarkte des kleinen Städtchens konnte man dieſe Be⸗ merkungen noch nicht machen. Graf Lauterbach, als er durch die Buden⸗ reihen ſchritt, gerieth in eine Gruppe des luſtigſten Volks, welches ſchrie und lachte, ſich drängte und ſcherzhaft knuffte, und es gereichte ihm zur Freude, daß es ſeine Bauern waren, die ſich in der Fröhlichkeit hier am lauteſten hervorthaten. Sie erkannten ihren Herrn, wie ſie ihn noch immer nannten, obgleich das alte Verhältniß längſt aufgehört hatte und ſie ſelbſt freie Grundbeſitzer waren. Sie grüßten ihn und machten ihm geräuſch⸗ voll Platz, wobei ſie im Eifer auch eine alte, beſſer gekleidete Frau, welche der Graf freundlicher gegrüßt hatte, mit auf die Seite riſſen. Auf dem einen Moment dadurch leer gewordenen Straßenpflaſter bemerkte ein Bauer⸗ mädchen, ehe die Menſchen hinter dem Grafen wieder zuſammenfluteten, einen blitzenden Gegenſtand; ſie hob ihn raſch auf: es war ein feines Porte⸗monnaie mit ſilbernem Bügel, aber leer.„Wer hat die Geldtaſche verloren?“ rief das Mädchen mit heller Stimme. Geldtaſche! Ein magiſches Wort! Alles drängte ſich um die junge Bäuerin, welche ihren Fund hoch


