Von Bernd von Guſeck. 9
eigenen Demüthigung ſah, daß er ſich nicht mehr orientiren konnte, wie ſehr er ſich auch anſtrengte, um einige Reminiſcenzen theoretiſcher Weis⸗ heit über das Orientiren in Wäldern aus dem Schutthaufen ſeiner frühe⸗ ren ſchwachen Studien hervorzugraben. Praktiſch war er heut zum erſten⸗ male in dieſe Verlegenheit gekommen; ſeine kurze Dienſtzeit hatte ihn noch nicht in den Fall gebracht, ganz allein zu recognosciren, er hatte noch kein ſelbſtſtändiges Kommando geführt; er war kein Jäger, hatte nie Fußreiſen — das Fortkommen der niederen Kreatur, wie er es nannte!— unter⸗ nommen, nur bei Wettrennen, bei Steeple⸗chaſes hatte er ſich frei bewegt: aber hier weist im Allgemeinen die abgeſteckte Linie die Richtung an und die rothen Röcke der Sportsmen leuchten einander wie Fackeln auf den Weg zurück, wenn er einmal verloren wurde. Er war zu dieſen verdrieß⸗ lichen Betrachtungen der Selbſterkenntniß gekommen, als er zu ſeiner wahren Erleichterung ein lautes Rufen hörte, das ihm galt. Boten waren es, welche man gleich, nachdem die Bauern das eingefangene Pferd nach dem Schloſſe gebracht, in den Wald geſchickt hatte, um den geſtürzten Reiter zu ſuchen. Durch ſie erfuhr er, daß ſeine Adelma, die ihn im Unglück wie eine treuloſe Geliebte verlaſſen hatte, ganz munter ſei, nur ein wenig abgeſchunden am Knie; er gewann es aber nicht über ſich, das Roß ſelbſt im Schloſſe abzuholen, es wäre für ihn zu demüthigend ge⸗ weſen, zu Fuß und in ſo deſolatem Zuſtande ſeinen Einzug zu halten, beſonders vor jungen Damen. Daher blieb er an der Brücke ſtehen, von wo er das Schloß ſehen konnte, und gab einem von den Leuten den Auf⸗ trag, ihm das Pferd hieher zu bringen. Er ſagte auch ihnen, daß man ihm, als er im Walde bewußtlos gelegen, ſein Geld genommen habe, deßhalb könne er ſie heut beim beſten Willen nicht für ihre Mühe be⸗ lohnen, es ſolle aber königlich geſchehen, ſie möchten ſich nur in der Stadt bei ihm melden.
2.
Auf dem Balkon des Schloſſes, von wo ſich eine prächtige Ausſicht auf den See und ſeine wechſelnden Ufer bot, ſaß eine kleine Geſellſchaft: es war der Graf, welchem das Landgut gehörte, und ſeine Schwägerin, mit den beiden jungen Mädchen, welche von ihrem Streifzuge durch den Wald zurückgekehrt waren. Frau von Heideck, erſt vor kurzem hier ein⸗ gezogen, ſollte die Stelle der Frau vom Hauſe vertreten; der Graf hatte ſeine Frau bei Luciens Geburt ſchon verloren und bisher eine andere Ver⸗


