10 In Nacht gehüllt.
wandte als Pflegerin und mütterliche Freundin ſeines einzigen Kindes im Hauſe gehabt, da er ſich nicht zu einer zweiten Ehe hatte entſchließen können. Dieſer Frau, welche die für den Umgang mit Kindern, nächſt der Herzensgüte, nöthigſte Eigenſchaft beſaß: Heiterkeit des Temperaments, verdankte Lucie ihr munteres Weſen, das ihrem Vater, welcher zum Ernſt und zur Schweigſamkeit neigte, beſonders wohlthuend war. Sie hatte kürzlich die ihr ſo lieb gewordene Freiſtatt verlaſſen, weil ſie dem Rufe einer kranken Schweſter folgen mußte, welche nach dem Tode ihres Man⸗ nes allein in der Welt ſtand und ihrer dringend bedurfte. Der Graf war dadurch veranlaßt worden, ſeine Schwägerin, welche wie er, verwitt⸗ wet war und eine einzige Tochter hatte, zu ſich zu nehmen: er kannte ſie im Grunde wenig und hatte ſie, da ſie in einer entfernten Gegend gelebt, in einer langen Reihe von Jahren nicht geſehen, ſie war ihm aber als eine vortreffliche Frau ſo dringend empfohlen worden, daß er geglaubt hatte, eine recht gute Wahl zu treffen; von beſonderem Gewicht war aber die Hoffnung geweſen, in ihrer Tochter für ſeine Lucie einen paſſenden Umgang zu gewinnen: darin hatte er ſich auch nicht getäuſcht. Die bei⸗ den jungen Mädchen waren in den wenigen Tagen ſchon innig befreundet geworden.
Sie ſprachen jetzt mit großer Beſorgniß von dem möglichen Schick⸗ ſal des armen Herrn von Urbiſch— der Graf hatte das Pferd, das in der Gegend ſchon eine Berühmtheit erlangt hatte, erkannt, als es die Bauern auf das Schloß gebracht, ſo daß über die Perſon des geſtürzten Reiters gar kein Zweifel mehr war. Er mußte aber doch gefunden werden, wenn er wirklich verunglückt war; der Graf tröſtete die Mädchen damit, daß ſeine ausgeſchickten Leute nur der Spur des Pferdes zu folgen brauchten.
Frau von Heideck kam jetzt auf ihr Thema zurück, das ſie im Walde beſprochen hatte.„An Ihrer Stelle,“ lieber Schwager,“ ſagte ſie,„an Ihrer Stelle ließ ich dieſe unheimliche Verbindung zwiſchen Ihrem Park und dem Walde durch ein Gitter oder einen tüchtigen Zaun unterbrechen.“ —„Lieber eine Mauer, eine chineſiſche Mauer, Tante!“ verſetzte ſtatt ihres Vaters die Brünette.— Die Tante warf ihr einen Blick ſanften Vor⸗ wurfs zu und fuhr fort:„Es iſt unheimlich, lieber Schwager. Man weiß gar nicht, wo der Park aufhört und der Wald anfängt: ehe man ſich's verſieht, iſt man mitten in der Wildniß. Ich dächte, daß grade in jetziger Zeit, wo alle Scheidelinien verwirrt und verwiſcht werden, wir doch wenig⸗ ſtens in unſerem Eigenthum dieſelben aufrecht erhalten müßten. Ihr


