Jahrgang 
3 (1864)
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476 Spätes Erkennen.

Ich weiß, ſagte ſie,ich hörte heute jedes ihrer Worte, ich ſah jeden ihrer Blicke, die die Eurigen nicht frei ließen, wenn zwanzig Men ſchen zu mir geſprochen hätten, ich hätte doch das kaum gehauchte Wort vernehmen müſſen, das ſie über eine an ihren heißen Lippen welkende Roſe Euch zuflüſterte. Ich erkannte, daß Ihr auch über ihre Seele Hern wäret, wie über meine einſt; ich hörte, wie ſie Euch bat ſie an dieſem Abend zu ſprechen. Dann rief man mich ab, ein Fremder wollte meinen Mann oder mich ſehen, er war bleich, der kalte Schweiß ſtand ihm auf der Stirn, ſeine Lippen zitterten, und er trug ihren Namen. Ich ging nicht zur Tafel zurück, aber andere hatten ihre Worte aufgefangen, ich konnte nicht unter Menſchen bleiben. Ich hätte Euch anflehen mögen, Eure Macht über ein verirrtes Herz nicht zu mißbrauchen, ſie nicht zu Eurem böſen Engel zu machen, nicht Eurer Mutter das Herz zu brechen, und ich durfte es nicht, ich konnte nichts als neben meines Kindes Bett, das Eurer Mutter Namen trägt, die nach meines Herzens Meinung ihre Pathin iſt, ſtatt Eurer Mutter für Euch beten, damit Eure Seele rein von Sünde bleibe in dieſer Verſuchung. Ich hatte mein Kind hierher geſchickt, damit der Lärm der Gäſte, die Muſik es nicht ſtöre; ſo rettete ich mich zu ihm in der ſchmerzvollſten Stunde meines Lebens, und Gott hat mein Flehen erhört, Ihr ſeid nicht zu ihr gegangen. Gott grüßte Euch und mich.

Sie hatte ſich bei den letzten Worten erhoben und wie begeiſtert ihre Hände gefaltet, jetzt öffnete ſie dieſelben als wolle ſie ſie ſchützend und abwehrend über Albrechts gebeugten Kopf ausſtrecken; der Schleier war ihr vom Kopf geglitten, ſie blickte wie verklärt.Es geſchehen noch Wunder, Herr, ſprach ſie und ſank in die Kniee.

Albrecht wagte ſie nicht zurückzuhalten, er trat ſtill zur Seite. Sie kniete vor Gott, nicht vor ihm, vielleicht vor einer Liebe, für die ſein Name nur das Symbol, ſeine Geſtalt, ſeine menſchliche Nähe ihr, wie ſie geſagt, entbehrlich waren; dennoch aber war es einer jener Augenblicke, nach denen wir vielleicht einſt, aus einer höheren Exiſtenz auf die Kette von Irrthum und Verirrung zurückblickend, die wir jetzt das Leben nennen, ſeinen Inhalt und ſeinen Werth bemeſſen; es war ein Herzſchlag, der von Gottes Herzen ausgehend, nichts mit menſchlicher Schwäche und Leidenſchaft gemein hatte, und das Herz, das er bewegt, mit einem Feuer durchglüht, vor dem die Schlacken der Leidenſchaft wenigſtens für Augen⸗ blicke, für Stunden abfallen, wenn ſie auch, nachdem dieſe Weißglut der