Jahrgang 
3 (1864)
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Spätes Erkennen.

von Trauer und himmliſcher Freudigkeit an,ich habe es für das beſte Glück meines Lebens gehalten, Euch begegnet zu ſein, jetzt und immer⸗ dar, heute und alle Tage; das erſte Wort, das ich von Euren Lippen vernahm, es iſt entſcheidend geworden für mein Herz und meines Herzens Wünſche. Ich hatte angſtvolle Tage in Cliſſa verlebt, meine arme Tante hatte Wochen hindurch heftige Schmerzen gelitten, endlich kam eines Nach⸗ mittags eine Stunde Schlaf über ſie. Ich ſaß am Fenſter in trüben Ge⸗ danken, da hörte ich Schritte und dicht an dem Fenſter bliebet Ihr ſtehen und ein anderer Freund von Euch, ein jüngerer; Ihr reichtet ihm die Hand und ſagtet in Eurer Mutterſprache:Nun, grüß dich Gott, lieber Feldburg. Ich verſtand das Wort, denn meiner Tante Mann iſt ein Deutſcher, und es berührte mich wunderbar in meiner trüben muthloſen Stimmung. Ich hatte vergeſſen, daß Gottes Gnade über alle Schmerzen und Bekümmerniſſe iſt, und das Wort erſchien mir wie ein Troſt und ein Vorwurf für meine kleinmüthige Verzagtheit. Ich hörte nicht, was der andere ſprach, er ſtand abgewandt von mir, aber Euer Geſicht ſah ich, Eure blauen Augen, Cuer freundliches Lächeln, das mein müdes Herz traf wie ein anderes an mich gerichtetesGott grüße dich.

Es wurde ſo, Herr, denn wenn ich mir auch jedesmal, wo mein Herz raſcher ſchlug, wenn ich Euch vorübergehen ſah, zurief, daß Euch eine unausfüllbare Kluft von mir trenne; obgleich Ihr nie anders als gleichgültig mich grüßtet, während die andern wohl häufiger als noth war, vorübergingen, ſo dachte ich doch immer an jenes Wort und gelobte mir, es ſolle mir zur Wahrheit werden. Und damit war auch geſagt, daß ich nichts Unrechtes von Euch wollte. So habe ich Euch nicht ge⸗ zürnt, als Ihr, wie Ihr jetzt ſagtet, blind bliebet, als ich mein Herz, meine Liebe offener Euch gezeigt als ich gewollt; Ihr hattet ein männ⸗ liches, gutes, ehrliches Herz und Ihr liebtet eine andere, eine weiße Roſe, ſagte ſie leiſer und deutete mit der Hand auf den Roſenbuſch, der ganz in Blüthen ſtand, wie damals, wo Albrecht ihr von ſeiner Liebe zuerſt geſprochen.Gott hielt ſchützend ſeine Hand über mir, denn mein blu⸗ tendes Herz war in Eure Macht gegeben. Ihr nahmt es nicht zum Spiel für eine müſſige Stunde, Ihr machtet keinen Zeitvertreib aus meiner Liebe für Euch; Gott hatte mich mit Eurer Stimme gegrüßt, ſo konnte mir kein Unglück aus Euren Worten erwachſen.

Sie blickte Albrecht mit ihren dunklen, traurigen und doch ſo ver⸗ klärten Augen an, daß er ſein Herz in der tiefſten Bruſt erbeben fühlte.