Jahrgang 
3 (1864)
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ͤII

472 Spätes Erkennen.

ſicherlich nach** zu fahren, froh über den Umſtand, der Katharine, wie er glaubte, im[Augenblick dieſer Eröffnung ohne Albrechts Beiſtand ließ.

Albrecht und ſein Wirth hatten vor dem Kaffee der Piazza Platz genommen. Die Sonne ſtand ſchon tief, nur die Dächer der Häuſer und die hohen Schornſteine waren noch wie goldübergoſſen; der Platz, die Gaſſen waren ſchattig und um ſo ſtiller, je mehr alles, was heut Herr ſeiner geſunden Glieder war, hinab zum Werfte San Giorgio geeilt war, wo noch getanzt wurde und die bunten Lampen und das Feuerwerk, wel⸗ ches die Werkleute mehr ſich ſelbſt als dem Geber darbringen wollten, nun bald angezündet werden mußten.

Es war eine Feierabendſtunde, und obwohl die kleine Stadt heute einen Feſttag gehabt, ſo war es gerade für Albrecht, nach allem, was er heute erlebt, eine ſolche. Der Aufruhr in ſeinem Blute wich der fried⸗ lichen Stille, die auf der kleinen Venezianiſchen Piazza herrſchte; das er⸗ ſterbende Tageslicht verſchmolz mit dem blaſſen Silber des aufgehenden Mondes, leichte Dünſte lagerten über den Salinen und Gärten; auch dieſe thaufriſche Kühle that ſeiner erhitzten Stirne wohl und er fragte ſich ſchon, ob das, was er eben erlebt, ja was er noch erleben ſollte, nicht am Ende nur ein Traum, ein flüchtiger Champagnerrauſch geweſen, ob es möglich und denkbar ſei, daß Katharine, die es verſchmäht, ſeine Frau zu wer⸗ den, jetzt darein willigen könne, ſeine Geliebte zu ſein, oder ob er nicht bloß von einem rendez-vous geträumt habe, das ſie ihm verſprochen.

Die Gegenwart ſeines Gaſtfreundes, eine Frage, die dieſer an ihn richtete, weckten ihn aus ſeinem Nachdenken. Er ſtand auf, aber bei der Erinnerung an die Komödie, die er Katharine verſprochen, erfaßte ihn ein aus Beſchämung und Widerwillen gemiſchtes Gefühl.Der Wagen ſoll am Thor warten, ſagte er und gab dem höflichen Hafenkapitän zum Abſchied die Hand,ich gehe zu Fuß hin, er ſoll warten, bis ich komme.

Er winkte noch einen letzten Gruß und ſchritt durch die engen Gaſſen vorwärts, das Haus der Contessa zu ſuchen, aber mit anderen Empfin⸗ dungen, als eine Stunde früher. Hatte er damals gewünſcht Katharine allein zu ſprechen, ſo hoffte er jetzt das Gegentheil; er hoffte, daß die Contessa noch bei ihr ſei, und war feſt entſchloſſen, daß die Unterredung keine lange werden dürfe. Dann wieder ſagte er ſich, daß Katharine ſchwerlich die Stimme der Vernunft von ſeinem Munde hören wolle. Er hörte ihre ſchmeichelnden Worte, ſah ihre glückverheißenden Augen, ſie war doch ſehr ſchön, ſehr verführeriſch! Er ſah ſie, wie ſie vor wenig Stun⸗