Jahrgang 
3 (1864)
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470 Spätes Erkennen.

gemeinen jeder nur noch ſich ſelbſt ſprechen hört und keiner mehr auf den Nachbar achtet, ausgenommen die eben ſich ſelbſt in den Augen des Nach⸗ bars wiederfinden. Bernulli war einer der lauteſten, aufgeregteſten; ein feiner Mann, ein gebildeter Menſch war er nicht, vielleicht keiner war es an dieſem Tiſche, Albrecht ausgenommen, der ja heißer berauſcht war als die andern. Er hatte den Arm auf die Lehne von Katharinens Stuhl gelegt, ſein Athem ſtreifte ihre Wange, ihre Augen hingen an ſeinen Blicken, aber plötzlich ſah er ſie leiſe zuſammenzucken, eine jähe Röthe überflog ihr Geſicht. Sie ſtreckte die Hand nach dem Fächer aus, der neben Albrechts mit Wein und Roſenblättern halb gefülltem Glaſe lag; mit dieſer Bewegung warf ſie Albrechts Glas um und zugleich ſagte ſie:gib mir dein Wort, Albrecht, daß du mich heute noch aufſuchſt. Wende den Kopf jetzt langſam zur Thür. Oskar ſteht unter derſelben, er iſt mir nachgefolgt, der Narr!

Sie war ſich ihrer Herrſchaft über den jungen, leidenſchaftlich in ſte verliebten Gatten ſo bewußt, daß ſein Erſcheinen, ſo unvermuthet es ihr war, ſie doch keinen Augenblick erſchreckte. Sie reichte ihm lächelnd die Hand, ſtellte ihm zuerſt Albrecht vor, winkte der Contessa, bat Albrecht Bernulli zu rufen, beſprach ihre Verlegenheit der mangelnden Pferde wegen, den vorgeſchlagenen Ausweg, mit Herrn von Hübel bis zur nächſten Dampf⸗ ſchiffſtation zu fahren, alles unbefangen und ſcheinbar harmlos, erfreut von des Gemahls unvermuthetem Erſcheinen. Dieſer aber war nicht ſo leicht zu beruhigen, als in andern ähnlichen Fällen. Oskar Zehſen war kein großes Geiſteslicht, aber leidenſchaftlich verliebt in ſeine ſchöne Frau, und er fühlte inſtinktmäßig, daß er heute nicht wie früher wohl mehr als einmal ein coquettes téte à téte unterbrochen habe, ſondern ein lei⸗ denſchaftlich und ernſt gemeintes Liebesgeſpräch, und Katharine, der man ſo oft auf alberne, zuweilen wohl auf ziemlich rohe Art den Eindruck gezeigt, den ihre Schönheit hervorbrachte, pflegte ſonſt mit gutem Takt ſich jedesmal auf die Seite ihres Mannes zu ſtellen, wo es ſich um ein entweder oder dieſer Art handelte; ſie gab den Anbeter unbeſorgt preis, ſicher einen andern zu finden oder wohl auch heimlich ſich bewußt, daß er eine derartige Verläugnung hinnehme und ihr doch unverloren bleibe⸗ Mit Albrecht hätte ſie dies um ihrer ſelbſt willen nicht gewagt, und in dem Beſtreben eine bittere Anſpielung, ein Stichelwort ihres Mannes zu verhindern, ging ſie dieſem gegenüber zu weit in ihrer Freundlichkeit, bis an die Grenze der Zärtlichkeit und ſicher bis an die der Falſchheit.