Jahrgang 
3 (1864)
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Spätes Erkennen.

Die Feierlichkeit ging in beſter Form vorüber, die Muſikbande ſtimmte die Nationalhymne an, als die Taue durch ſchwere Artſchläge getrennt die Stützen weggezogen waren. Einige Sekunden noch ſtand der große Schiffsrumpf ohne Maſten und Takelwerk, nur mit flatternden Wimpeln geſchmückt, unbeweglich, dann eine leiſe Bewegung, von der gewal⸗ tigen Reibung dampfen die Schlitten, auf denen der Koloß hinabgleitet. Immer raſcher gleitet er, immer heißer ſteigt der Dampf zu beiden Seiten auf; jetzt berührt er die blaue ruhige Meerflut, tief fährt der Kiel hinein, es ſchäumt und wogt, weißer Schaum ſpritzt empor; dann einige Minuten noch und ruhig und ſtolz liegt das Schiff auf der Flut; Hurrahrufen von ſeinem Verdeck, Hurrah's vom Lande, von den Arbeitern, Evviva's der Zuſchauer, die mächtig rauſchenden Klänge des Nationalliedes, es iſt ein Augenblick lebhafter Erregung, wirklicher Feierlichkeit. Corona ſtand ganz ſtill an der Brüſtung, die Hände auf der Bruſt gefaltet.Das iſt nun dein Theil, dachte ſie,es iſt kein ſo werthloſer, als du in man cher einſamen Stunde wohl meinſt, faſſe dir ein Herz, es zu erkennen. Und freundlich dem Gatten entgegen tretend, bot ſie ihm die Hand.

Aber es ſollte doch noch ein ſchwerer Tag für Corona werden, eben weil er ſo ein ganz außergewöhnlicher war, manche Schranke verſchwin⸗ den, manche Kette vergeſſen ließ. Bernulli gab auch ſeinen Arbeitern ein Feſt, Wein und Speiſen reichlich und gut, und die Tribüne, die am Vor⸗ mittag den Ehrengäſten gedient, als Tanzplatz für den Nachmittag und Abend. Als er ſeine Frau mit ſo viel Umſicht und Takt die Honneurs für den vornehmeren Theil der Gäſte machen ſah, vergaß er ſeine eifer⸗ ſüchtigen Befürchtungen und überließ ſich dem Zuge, der ihm der natür⸗ lichſte war. Er ſcherzte mit ſeinen Leuten, munterte ſie auf, luſtig zu ſein und den Tag auszunutzen, erwiderte ihre Glückwünſche und überließ es Corona, die Form und Convenienz in dem kleineren Kreis zu ver⸗ treten, ganz klug berechnend, daß, je mehr Pflichten auf ihr ruhten, auch ihr alter Freund und möglicher Verehrer von ihr deſto entfernter gehalten werde. Er war in ſeinem ganzen Leben noch für keine Dame ſo voller Artigkeit geweſen, als für Katharine, die Albrechts Tiſchnachbarin war und nicht wie Corona, für alle Gäſte Augen zu haben brauchte, ſondern in dieſem Kreiſe ihr ganz fremder gleichgültiger Leute ſich die Freiheit ließ, ſie nur für Albrecht zu haben. Sie hatte ein gewiſſes Gefühl wie eine Prinzeſſin, die incognito ſich in eine Geſellſchaft miſſcht und einen Standesgenoſſen findet; in einem gewiſſen Sinn fühlte ſie ſich ja dieſen