Jahrgang 
3 (1864)
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466 Spätes Erkennen.

Corona ſtand ſchweigend einige Augenblicke vor dem hohen Spiegel in ihrem einſamen Ankleidezimmer und betrachtete prüfend ihre ſtolze Ge⸗ ſtalt, an der die ſilberhelle Seide in ſchweren Falten niederfloß und am Boden ſchleppte; ihre tadelloſe Büſte, die nichts von modiſcher Unnatur und krankhafter Schlankheit hatte. Das koſtbare ſchwarze Spitzengewebe floß von dem nachtſchwarzen Haar über Schultern und Arme herab, ohne ſie zu verſtecken, das Funkeln des Goldſchmuckes, das Blitzen der Steine verlor ſich halb unter den Spitzenfalbeln an den offenen Aermeln, ſie hätte ſo in den eleganteſten Salon eintreten und gewiß ſein können Be⸗ wunderung zu erregen, ſo edel und reich war ihre Erſcheinung, ſo ruhig und voll ächter Würde ihre Haltung.Du biſt bei Gott die ſchönſte Frau, die ich in meinem Leben geſehen, ſagte Bernulli und hatte Recht.

Die Gäſte verſammelten ſich auf der mit Draperien und Guirlanden verzierten, von einem bunten Zelt beſchatteten Tribüne. Corona begrüßte ſie dort mit gelaſſener Höflichkeit. Es war das erſtemal, daß Siora, Filippa's Tochter, die man vor zwei Jahren noch mit den kupfernen Waſſereimern zum Brunnen hatte gehen ſehen, die gute Geſellſchaft der kleinen Stadt begrüßen mußte. Man verſuchte nicht gegen Vittorio Ber⸗ nulli's Frau unhöflich zu ſein, er war an dieſem Tage die bedeutendſte Perſönlichkeit der Stadt, man prophezeite ihm eine glänzende Zukunft und ergab ſich darein, ſeine Frau im Caſino aufnehmen zu müſſen. Zu⸗ letzt, da ſie ſich für die Vornehmſte hielt, kam die Contessa Vincentini mit ihrem Gaſt, die Contessa mit einem ſchottiſch karrirten roth und grünen Seidenkleide; Katharine war wie eine ihrer heimatlichen Enzianen, ganz lichtblau, zart und duftig mit feinſter Berechnung gekleidet, ganz Holdſeligkeit und einſchmeichelnde Unbefangenheit gegen die Frau, in der ſie ſeit geſtern eine keineswegs zu überſehende Nebenbuhlerin ſah.

Ihre anmuthig lächelnde Falſchheit ſcheiterte an Corona's einfacher Würde.Sie haben gewünſcht, ein Schiff vom Stapel laufen zu ſehen, ſagte ſie freundlich,mein Mann muß es für einen angenehmen Zufall anſehen, daß gerade auf ſeinem Werfte eines dazu bereit ſteht.Und Sie ſelbſt, ſchöne Frau? fragte Katharine halb ſchmeichelnd, halb lauernd, Sie bewillkommnen mich nur als Ihres Mannes Gaſt? Corona's ſtattliche Höhe überragte Katharinens zierliche Geſtalt, ſie ſah eben Al⸗ brecht eintreten, ihren Mann ihn empfangen und den übrigen Gäſten vorſtellen, aber ſie ſah auch ſeinen ſuchenden Blick, eine leichte Blüſſe überflog ihr Geſicht. Da begegnete ſie ſeinen blauen unruhigen Augen,