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464 Spätes Erkennen.
gleitete. Sie wußte längſt, was Katharine zu der ſeltſamen Neugierde verleitet hatte, den Stapellauf eines Kanonenbootes durch einen Ausflug von zwei Tagen zu erkaufen, wollte aber doch fuür ſich ſelbſt möglichſt wenig Koſten zu tragen haben. Wenn ſie heute die Cena und morgen durch Bernulli's Dejeuner das Pranzo erſparte, ihre Geſchäfte in der Stadt wieder einmal ordnete und durch dieſe Gefälligkeit gegen die Ba⸗ ronin Zehſen ſich die Anwartſchaft einer Einladung auf Herrenegg er⸗ warb, die ſie auf Wochen auszudehnen beſchloſſen hatte und die ihr die Badereiſe erſparte, ſo war die Extrapoſtſahrt bezahlt und ſie konnte die mit dem angenehmen eleganten Albrecht Hübel erneute Bekanntſchaft als eine Eroberung für ihre Winterempfangstage oder ihre Loge betrachten.
In dieſem ganz behaglichen Gefühl gab ſie ſich den Anſchein Katha⸗ rinens Ungeduld nicht zu bemerken, machte mit unbefangenſter Liebens⸗ würdigkeit die Honneurs an der Stelle der abweſenden Hausfrau und hatte die Genugthuung, daß Bernulli ſeine Gäſte bis nach neun Uhr feſt⸗ hielt. Dann über die Piazza zu ihrem Haus zurückgehend, ſchlug ſie vor, ſtatt des kalt gewordenen Kaffee's, den ſie zu Haus um ſieben Uhr beſtellt, ein Gefrorenes hier zu nehmen, und ging in ihrem Edelmuth ſo weit, daß ſie ſich in ein lebhaftes Geſpräch mit dem Hafenkapitän ein⸗ ließ, ſich erinnerte, daß ſeine in der Stadt ſeit Generationen anſäßige Familie den Titel Cavaliere irgend einmal erhalten, worüber er höchſt geſchmeichelt war und zugleich den Muth faßte, mit der vornehmen Dame mehr auf Gleichheitston zu verkehren, ja ſelbſt der mehr reichen als ſchö⸗ nen Wittwe den Hof zu machen, was alles ſie aus Edelmuth annahm, um ſo ihrer carissima amica Zeit und Gelegenheit zu laſſen, ſich unge⸗ ſtört mit dem Freund ihrer Seele auszuſprechen, der trotz alledem den Damen am Thor des Palazzo Vincentini gute Nacht ſagte, die Einladung der Contessa, noch eine Stunde bei ihr zu verplaudern, höflich ablehnend.
Der feſtliche Tag war hell und ſonnig, etwas warm, aber funkelnd vor Bläue, nichts ſchien das Feſt mit einer Störung zu bedrohen. Der Ehrengaſt war angekommen und verbindlich und artig geweſen, alle Ho⸗ noratioren der Stadt, der Platzmajor, die Offiziere der kleinen Garniſon, ein paar vom Dienſte zurückgetretene Mercantilkapitäne, das Seminar mit Profeſſoren und Zöglingen, kurz alles, was irgendwie Anſprüche auf eine geſellſchaftliche Rückſicht erheben konnte, fand ſich pünktlich zur feſtgeſetzten Stunde ein. Das Dejeuner war für zwanzig Perſonen angeordnet, und


