Jahrgang 
3 (1864)
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Von Moritz Horſt. 459

unerwarteten Begegnung, unruhig doch bei dem Gedanken, daß Katharine ſie herbeigeführt habe. Mit dem Aufgebot alles Willens zwang er ſich, den Erklärungen den Schiffsbauers ſeine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, mehr um ſich zu faſſen, als weil er in dieſem Augenblick Intereſſe an ihnen nehmen konnte; er war aber gebildet und erfahren genug, um trotz der Zerſtreuung doch verſtändige Fragen zu ſtellen; eingehendere Erörte⸗ rungen überließ er dem, in deſſen Intereſſe es jetzt lag, ſich von der gün⸗ ſtigſten Seite darzuſtellen. Bernulli geſtand ſeinen Wunſch ein, von der Regierung bei ſeinen Beſtrebungen unterſtützt zu werden, ſeinen Ehrgeiz für die Kriegsmarine zu arbeiten, ſein Etabliſſement zu erweitern und, indem er ſelbſt Nutzen hatte, ihn der Stadt und dem Lande gleichfalls zu gewähren, je mehr deſto beſſer. Er ſprach eingehend und geſcheidt, ge⸗ ſcheidt vorzüglich, weil er gar nicht verbarg, daß er ſeinen eigenen Vor⸗ theil und ſeine Ehre auf erlaubte Weiſe ſuche; er ſprach wie ein ehr⸗ licher Mann, der keine Hintergedanken, keine geheimen Pläne hegt, ein⸗ fach und überzeugend, und mochte mit dem Antheil ſeines Ehrengaſtes zufrieden ſein, denn er ließ endlich das Geſpräch fallen und ſagte, indem er nach ſeinem Hauſe deutete:Die Damen warten auf Sie, Herr von Hübel, und da Sie, wie ich hörte, auch meine Frau von früher kennen, erweiſen Sie mir wohl die Ehre bei mir einzutreten.

Albrecht nickte, unſchlüſſig, was er thun ſolle, innerlich doch theil⸗ nahmlos für alles bisher geſprochene. Als er langſam mit dem Schiffs⸗ bauer zwiſchen aufgeſchichtetem Bauholz dem Ausgange zuſchritt, ſah er Katharine aus der Thür des Gartens treten und ihm entgegenkommen, was kümmerte ſie der Mann im grauen Arbeitsxock, was ſeine Frau, was die Contessa, ſie wollte den Mann ſprechen, der zuerſt und viel⸗ leicht bisher doch allein noch ihrem Herzen einen raſcheren Pulsſchlag ab⸗ gewonnen, den Mann, an deſſen Herzen, wenn auch nur einen Augen⸗ blick lang, ſie gleichſam über ihre eigene Natur durch die Macht eines wahrhaften Gefühls emporgehoben, einen ahnungsvollen Blick auf die Schönheit des Lebens geworfen hatte, die nicht an Dingen haftet, ſondern im Geiſt und Herzen! Ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit hatten ſeit jener Stunde viele Triumphe gefeiert, ihr Herz aber nie mehr den raſchen ſeligen Schlag von damals wiedergefunden. Und vielleicht mehr als das, er war der Mann, der ſich nie vor ihr gebeugt hatte, der auch in dem Augenblick der tiefſten blutigſten Beleidigung, die ſeinem Stolze und ſeiner Liebe widerfahren, gelaſſen und edel geblieben war, Herr ſeiner ſelbſt.

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