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Von Moritz Horſt. 449
feſte Steinbrücke verwandelt, der Bau ſelbſt aber, wohl aus dem ſech⸗ zehnten Jahrhundert ſtammend, ſtand ſtattlich und feſt, mit ſeinen vier Eckthürmen und hohen blanken Fenſtern, grau von der Zeit, aber nicht verfallen. Es war ein Luxusbeſitz für unſere an genaue Rechnungen ge⸗ wieſene Zeit, aber ein ächter ſtolzer Herrenſitz.
Unter einem chineſiſchen Schirmdache war ein Frühſtückstiſch arran⸗ girt; der Platz war etwas erhöht, und man überſah den Garten und von demſelben Feld, Wieſe und Wald, die zu dem Schloß gehörenden Dörfer, die zwiſchen Obſtgärten zerſtreut im Thale lagen, und auf den gegenüberliegenden Bergen einige Meierhöfe und hier und dort eine weiße Kirche. Es konnte ein Gefühl behaglichen Stolzes verurſachen, von dieſem hübſchen ſchattigen Platze aus über blühenden Beeten, plätſchernden Fontai⸗ nen und thaufriſchen Raſen das alterthümliche Schloß, Feld und Wald zu überblicken und ſich Herr darüber zu fühlen.
Von der Frühſtücksgeſellſchaft ſchien trotzdem keiner ſolche Gedanken zu haben. General Baron Wellenau, der außer Militärſchematismus und Verordnungsblatt nur noch die Tagesanzeigen las, behandelte dieſe letzte Lecture gewiſſenhaft wie alles, was man ſelten thut, er las von An⸗ fang bis Ende getreulich jede Zeile durch. Sein Sohn, Rittmeiſter Achaz von Wellenau, las einen Brief ſeiner Braut, der ihm wenig Freude zu bereiten ſchien, und Katharine in einem blendend weißen Morgenkleid mit flatternden Bandſchleifen, ſtudirte ein Journal, das vielleicht ein Mode⸗ journal war, denn ſie las mit großer Aufmerkſamkeit, und war in der nachläfſigſten Stellung, mit der ſie in dem amerikaniſchen Wiegenſtuhl lag, mit den ſpielenden Sonnenlichtern auf Haar und Nacken und der roſig angehauchten Wange ſchön wie der helle Morgen ſelbſt— ſorg⸗ los, anmuthig und ſtolz wie eine der Lilien, die nicht arbeiten und auch nicht ſpinnen. Noch zwei Perſonen ſaßen am Tiſch, Frau Natalie und Oskar von Zehſen, letzterer ein hübſcher junger Mann in moderner Mor⸗ genkleidung, tadellos elegant, mit buntem Hemd, lichter Cravatte, Pana⸗ mahut und weiten lichten Kleidern, die Generalin ſtattlich in einem pracht⸗ voll geblümten Foulard gekleidet. Sie führte eben mit ihrem jungen Wirth und Pflegeſohn einen lebhaften Discurs, oder eigentlich er hörte ihr zu.
Der frühere ſehr ariſtokratiſche Beſitzer hatte ſich genöthigt geſehen, Herrenegg ſo viel als möglich nutzbar zu machen, er hatte einen Theil des Gartens einem Handelsgärtner der Stadt in Pacht gegeben, im Som⸗
Hausblätter. 1864. III. Bd. 29


