Jahrgang 
3 (1864)
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56 Das Geheimniß des Advokaten.

Nicht die geringſte. Sie beugte das Haupt. Der Arzt nahm ihre Hand, drückte ſie mit väterlicher Theilnahme und betrachtete die Trauernde mit wehmüthigem Ernſt.Ich will morgen wieder nach ihm ſehen, ſagte ſte in bittendem Tone.Ihre Anweſenheit wird nur ſein Ende beſchleunigen. Doch will ich Ihnen morgen Nachricht geben laſſen von ſeinem Zuſtand. Adieu! Sie ließ wieder den Kopf ſinken und eilte, ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, aus dem Zimmer.

Am andern Morgen wurde ſie wieder nach dem Beſuchzimmer be⸗ rufen. Sie traf abermals eine barmherzige Schweſter im Geſpräch mit ihrer Tante. Beide ſahen ernſt und gedankenvoll aus und warfen einen ängſtlichen Blick auf die eintretende Lenor.Iſt es ſchlimmer mit ihm geworden? rief Lenor, noch ehe die Schweſter ein Wort geſprochen hatte.

Leider ja. Er iſt.Oh, ſagen Sie mir nichts mehr. Ach Gott, ach Gott! fügte ſie bei.So jung, ſo begabt, ſo bewun⸗ dert! Und hier in dieſem Zimmer haben wir vor Jahren ſo glückliche Stunden verlebt. Sie trat mit thränenloſem Auge an das Fenſter, drückte den Kopf gegen die Scheiben und ſchaute nach der Straße hinunter und in den unfreundlichen Herbſthimmel hinaus. Wie neu und fremd kam ihr die Welt vor, ſeit Horace Margrave todt war.

In dem Friedhof des Père la Chaiſe ruhen die ſterblichen Ueberreſte Horace Margrave's. Man hatte daran gedacht, ſeine Aſche nach Eng⸗ land zu bringen und ſie in der Kirche von Margrave, einem Dorf in Weſtmoreland beizuſetzen, in deren Kirche man an der Kanzel die auf dem Sarkophag liegende Statue des bei Worceſter gefallenen Algernon Margrave ſieht; aber da der Hingeſchiedene keine näheren Verwandten beſaß, als einige in der Armee und in der Kirche angeſtellte Vettern und einen alten Großonkel, einen penſionirten Admiral, auch ſich bald heraus⸗ ſtellte, daß der hochbegabte Sachwalter aus dem Verulam⸗Buildings keinen Penny hinterlaſſen hatte, ſo wurde dieſe Idee ſchnell wieder auf⸗ gegeben, und man ließ die Gebeine des bewunderten Horace modern in fremder Erde.

Man erfuhr nie beſtimmt, wer ihm die einfache Tafel hatte errichten laſſen, die ſchließlich ſeine Ruheſtätte ſchmückte eine Marmorplatte ohne pomphafte lateiniſche Inſchrift oder eine lange Liſte von Tugenden. Man ſah darauf nur eine halbabgebrannte, plötzlich erloſchene Fackel aus⸗