Jahrgang 
3 (1864)
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Von E. Dom. Brand. 3 57

gemeiſelt, aus deren Rauch ſich ein Schmetterling in die Höhe ſchwang. Darüber las man den Namen und den Stand des Todten.

An dem Abend nach dem Tag von Horace Margrave's Beerdigung ſaß Henry Dalton, eifrig mit ſeinen Akten beſchäftigt, in ſeinem Arbeits⸗ zimmer. Das Licht der Lampe, das auf ſein ruhiges Geſicht niederfiel, ließ darauf einen Ausdruck von Trauer und Sorge erkennen, der ſonſt dieſem Antlitz fremd geweſen war. Der Mann ſelbſt ſah um zehn Jahre älter aus als an ſeinem Hochzeitstage. Er hatte die Schlacht des Lebens gekämpft und ſie verloren(manche nehmen ſie ſo leicht, während ſie für andere ſo ſchwer wird) ſie verloren in dem Bemühen, das Weib zu gewinnen, das er ſo zärtlich und treu hätte lieben können. Nichts war ihm geblieben, als ſein Beruf, kein anderer Ehrgeiz, keine andere Hoff⸗ nung.Ich will mich die Arbeit nicht verdrießen laſſen, ſagte er,da⸗ mit wenigſtens ihr, obſchon ſie für immer von mir getrennt iſt, aus meinem Mühen die armſeligen Freuden erwachſen mögen, die ſich mit Geld kaufen laſſen.

Er hatte nichts gehört von Horace Margrave's Reiſe nach Paris, ebenſowenig von ſeiner Krankheit und ſeinem Tod. Darum dämmerte ihm noch immer keine Hoffnung, von dem Eid erlöst zu werden, der ſeine Zunge gebunden hielt und ihn verpflichtete, das Geheimniß zu be⸗ wahren, ſo lang Horace Margrave lebte. Müde, aber gleichwohl be⸗ harrlich und in einen ſchwierigen Fall vertieft, der den ganzen Scharfſinn des klugen jungen Advokaten in Anſpruch nahm, las und ſchrieb er fort bis nach elf. Die Glocke hatte kaum halb zwölf ausgeſchlagen, als plötz⸗ lich die Hausthürklingel wie von einer ſehr aufgeregten Hand angezogen wurde. Seine Arbeitszimmer befanden ſich im erſten Stock und unter ihm die eines Herrn, der ſich regelmäßig um ſechs Uhr entfernte.Ich er⸗ warte zwar niemand zu dieſer Stunde, dachte er;aber man könnte doch zu mir wollen. Er hörte ſeinen Kopiſten die Thüre öffnen und fuhr fort zu ſchreiben, ohne das Haupt aufzurichten.

Drei Minuten ſpäter ging die Thüre ſeines eigenen Zimmers auf, und ungemeldet trat jemand ein. Er ſchaute auf. Eine ſchwarzge⸗ kleidete Dame, deren Geſicht durch einen dicken Schleier verhüllt war, ſtand neben der Thüre.Madame, ſagte er mit einiger Ueberraſchung, darf ich fragen. Sie trat haſtig vor, fiel vor ihm auf die Kniee nieder und ſchlug ihren Schleier zurück.Lenor!