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Von E. Dom. Brand. 55
Horace! Welches Elend hat dieſes Geld über uns gebracht!“—„Nicht doch, ſondern welches Elend hat ein einziges Abweichen von der geraden Bahn der Ehre über uns gebracht. Lenor, theure, einzig geliebte Lenor, können Sie dem Mann verzeihen, der Sie ſo heiß geliebt und doch ſo ſchwer benachtheiligt hat?“—
„Ihnen vergeben?“ Sie erhob ſich von ihren Knieen, ſtrich das wirre ſchwarze Haar mit zärtlicher Hand aus ſeiner weißen Stirne und ſah ihm voll in's Geſicht.„Horace,“ fuhr ſie fort,„wenn Sie vor langer Zeit dachten, ich liebe Sie, ſo hatte Ihr Herz recht geleſen, ob⸗ ſchon es Ihnen nicht möglich war, die Tiefe und Innigkeit dieſer Liebe zu erfaſſen. Nun ich die Gattin eines andern bin— eines andern, dem ich ſo viel Liebe ſchulde, um das gegen ihn geübte Unrecht wieder gut zu machen, wage ich es, ohne einen Gedanken, der eine Sünde gegen ihn wäre, Ihnen zu ſagen, wie ſehr ich Sie liebte— und Sie fragen mich, ob ich vergeben könne! Wie ſollte ich Ihnen nicht den Verluſt dieſes Geldes verzeihen, das ich um Ihretwillen bereitwillig hingegeben hätte? Durch Ihr Bekenntniß iſt alles zurecht geſetzt worden. Ich will gegen Henry Dalton ein gutes Weib ſein, und ihr beide könnt noch aufrichtige Freunde werden.“—„Wie, Lenor, glauben Sie, ich hätte dieſes Be⸗ kenntniß ablegen können, wenn ich nicht wüßte, daß es mit mir zu Ende geht? Nein, nein, Sie ſehen mich jetzt unter dem Einfluß von Reiz⸗ mitteln, die mir nur eine erkünſtelte Stärke verleihen, und einer Auf⸗ regung, die kräftig genug iſt, um ſelbſt den Tod zu meiſtern. Die Aerzte ſagen mir, der ſchwache, wankelmüthige, ehrloſe Elende, der da Horace Margrave heißt, werde morgen Abend nicht mehr unter den Lebenden weilen.“ Er ſtreckte die abgezehrten Hände aus, zog ſie an ſich und drückte einen Kuß auf ihre Stirne.„Der erſte und der letzte, Lenor,“ ſagte er.„Leben Sie wohl!“ Sein Geſicht wurde noch leichenhafter als zuvor, und er ſank ohnmächtig zurück.
Der Arzt, der zur halboffenen Thüre hereinſah, winkte Lenor.„Sie müſſen ihn jetzt verlaſſen, meine liebe Madame,“ ſagte er.„Hätte ich nicht die ſchreckliche Verſtörtheit ſeines Geiſtes geſehen, ſo würde ich dieſe Begegnung nie geſtattet haben.“—„O Monſieur, ſagen Sie mir, kön⸗ nen Sie ihn nicht retten?“—„Es müßte ein Wunder geſchehen. Die ärztliche Kunſt iſt am Ende.“—„Sie haben alſo keine Hoffnung?“—


