Jahrgang 
3 (1864)
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Das Geheimniß des Advokaten.

keine Thräne; aber ihr Herz klopfte ſo laut gegen die Bruſtwand, daß ſie glaubte, in der Stille des Zimmers müſſe jedermann ihre Pulſe hören.

Ihre ſchlimmſten Ahnungen wurden zur Wirklichkeit. Horace Margrave ſtack mit dem Kopf tief in der hohen Kiſſenſchichte, und ſeine abgezehrte Hand lag kraftlos auf der Daunendecke, die ſeinen Körper umgab. Sein Kopf war mit naſſer Leinwand umwickelt, und die Wär⸗ terin hatte ein ſcharlachrothes Tuch darüber gebunden, deſſen lebhafte Farbe den Gegenſatz zu dem weißen Geſicht noch greller hervorhob. Seine dunkelbraunen Augen beſaßen nicht mehr den träumeriſchen Ausdruck von früher; dagegen leuchtete aus ihnen der fieberiſche Glanz der Krankheit. Sie waren mit ängſtlicher Spannung auf die Thüre geheftet, als Lenor eintrat.Endlich! ſagte er mit krampfhaft erſtickter Stimmeend⸗ lich! Sie drückte ihre Hand feſt auf das klopfende Herz, ſank neben ſeinem Bett auf die Kniee nieder und ſagte ſehr ruhig zu ihm:Ho⸗ race Horace! Was iſt dies? Warum finde ich Sie ſo? Er heftete die großen, glänzenden Augen auf ſie und antwortete:Was es iſt, Lenor? Soll ich's Ihnen ſagen?Ja, ja, wenn Sie es können, ohne daß es zu ſehr Ihre Nerven angreift.Meine Nerven angreift! lachte er mit einer bitteren, unnatürlichen Kadenz.Meine Nerven ſehen Sie her. Er ſtreckte eine von ſeinen abgezehrten, durchſichtigen Händen aus, die wie ein Eſpenlaub zitterte, bis er ſie wieder auf die Decke zurückfallen ließ.Seit vier Jahren, Lenor, wird mein Leben langſam von einem ſtetig fortmachenden vervöſen Fieber verkohlt, und Sie ſagen mir, ich ſolle meine Nerven nicht zu ſehr angreifen. Er ſtieß einen ungeduldigen Seufzer aus, wälzte das Haupt unruhig auf dem Pfühl und kehrte das Geſicht gegen die Wand.

Lenor Dalton ſah ſich in dem Gemach um, in welchem der brillante, bewunderte und bezaubernde Horace Margrave nun ſchon elf traurige Tage, elf ſchmerzvolle Nächte gelegen hatte. Es war ein kleines, be⸗ quem möblirtes Zimmer, das durch einen Ofen geheizt werden konnte. Auf dem Tiſch neben dem Bett lag ein Brevier aufgeſchlagen und über der Seite, wo die Leſerin aufgehört hatte, ein Roſenkranz, daneben ein gleichfalls geöffnetes engliſches Teſtament. Das letztere hatte die barm⸗ herzige Schweſter, welche Horace Margrave verpflegte, in der Hoffnung herbeigeſchafft, er werde darin leſen können; aber wenn der Kranke zur Beſinnung kam, redete er ſie franzöſiſch an. Sie bat ihn, einen Prieſter