46 Das Geheimniß des Advokaten.
gehe, nicht aus Paris?“—„Nein, Madame.“— Wer konnte es ſein? Nicht aus Paris— alſo wahrſcheinlich jemand aus England. Aber wer? Ihr Gatte oder Horace Margrave? Dies waren die einzigen Perſonen, welche ſich ihrem Geiſt vergegenwärtigten; doch warum in dem einen, wie in dem anderen Falle dieſes geheimnißvolle Weſen?
Sie erreichten das Hotel. Die barmherzige Schweſter ging in dem Treppenhaus bis nach dem dritten Stock voran, wo ſie in ein kleines Zimmer trat. Lenor folgte ihr.— Zwei Herren, augenſcheinlich Aerzte, ſtanden flüſternd in der Fenſterniſche. Einer davon blickte auf und ſah die beiden Frauenzimmer eintreten. An ihn wandte ſich die barmherzige Schweſter mit den Worten:„Ihr Patient, Monſieur Delville?“—„Er iſt ruhiger, Schweſter Luiſe,“ antwortete der Arzt.„Das Delirium hat ſich gelegt, und er iſt jetzt ganz bei Vernunft, aber ſehr ſchwach. Brin⸗ gen Sie hier die Dame?“ fügte er mit einem Blick auf Lenor bei.— „Ja, Monſieur Delville.“—„Madame,“ ſagte der Doctor,„darf ich Sie um eine kurze Beſprechung bitten?“—„Mit Vergnügen, Monſieur. Zuerſt aber um Gotteswillen ein einziges Wort. Wie iſt der Name Ihres Patienten?“—„Hierauf kann ich Ihnen nicht antworten. Sein Name iſt mir unbekannt.“—„Auch den Leuten in dem Hotel?“—„Sie kennen ihn ebenſowenig. Der Reiſeſack hatte keine Adreſſe. Er beabſich⸗ tigte wahrſcheinlich nur einen flüchtigen Beſuch, wurde aber durch eine ſehr beunruhigende Krankheit zurückgehalten.“—„Dann laſſen Sie mich ihn ſehen, Monſieur; denn die Ungewißheit iſt unerträglich. Ich habe Grund zur Vermuthung, daß der Kranke ein mir ſehr theurer Freund iſt. Laſſen Sie mich ihn ſehen; ich werde dann das Schlimmſte wiſſen.“ —„Gedulden Sie ſich nur noch zehn Minuten. Monſieur Leruce, wollen Sie den Patienten auf den Beſuch dieſer Dame vorbereiten?“
Der andere Doctor verbeugte ſich ernſt und begab ſich ſodann in ein inneres Zimmer, deſſen Thüre er ſorgfältig hinter ſich abſchloß.—„Ma⸗ dame,“ ſagte Monſieur Delville,„ich wurde erſt vor drei Tagen zu dem im nächſten Zimmer liegenden Kranken berufen. Mein Kollege hat ihn ſchon länger wegen eines ſehr bedenklichen Falls von Typhus in Be⸗ handlung. Vor ein paar Tagen wurde der Zuſtand durch Gehirnreizung gefährlich, und Monſieur Leruce wagte es nicht, einen ſo ernſten Fall auf eigene Verantwortung zu nehmen, ſondern hielt es für ſeine Pflicht, noch einen Arzt beizuziehen. Dies der Grund, warum auch ich hier bin.
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