Jahrgang 
3 (1864)
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Von E. Dom. Brand. 45

doch ihr Vormund?Eine Dame oder ein Herr? fragte ſie das Dienſtmädchen, das ihr die Nachricht brachte.Eine Dame eine barmherzige Schweſter. Sie eilte nach dem Beſuchzimmer und fand, wie das Mädchen ihr geſagt hatte, eine Nonne im Geſpräch mit ihrer Tante.

Meine liebe Lenor, ſagte die letztere,dieſe fromme Schweſter bittet dich, mit ihr zu einer kranken Perſon zu kommen, die mit dir be⸗ kannt ſein, aber ihren Namen nicht genannt wiſſen will. Was mag dieſes Geheimthun zu bedeuten haben?Eine kranke Perſon, die mich zu ſehen wünſcht? verſetzte Lenor.Aber ich kenne ſo wenige Menſchen in Paris und vermag mir nicht zu denken, was man von mir wollen kann.Wenn Sie mir Vertrauen ſchenken, Madame, ent⸗ gegnete die barmherzige Schweſter,und mich bei dieſem Krankenbeſuch begleiten wollen, ſo glaube ich, daß Ihre Gegenwart ein großes Liebes⸗ werk ſtiften wird. Der Geiſt des Patienten iſt ich bedaure, dies ſagen zu müſſen, in einem ſehr verſtörten Zuſtand, und ich glaube, nächſt Gott ſind nur Sie im Stande, ihm Erleichterung zu ſchaffen.Ich gehe mit Ihnen, ſagte Frau Dalton.Aber Lenor rief ihre Tante ängſtlich.Wenn ich einem unglücklichen Weſen einen Dienſt erweiſen kann, meine liebe Tante, ſo wäre es ſchlecht und grauſam, wenn ich ihn verweigern wollte.Wohl, mein Kind; aber du weißt ja nicht, zu wem du gehſt.Ich will dieſer Dame vertrauen, entgegnete Lenor. Gedulden Sie ſich, bis ich meinen Hut und mein Halstuch geholt habe, fügte ſie gegen die barmherzige Schweſter bei.Ich werde ſogleich wie⸗ der hier ſein. Mit dieſen Worten eilte ſie aus dem Zimmer.

Wenn die Mädchen einmal verheirathet ſind, ſo iſt kein Auskommen mehr mit ihnen, brummte die Tante und faltete reſignirt ihre mit vielen altmodiſchen Ringen beſteckten mageren Finger. Dann fuhr ſie laut gegen die Nonne fort, die in ſtummer Betrachtung der allmälig erlöſchenden Kaminglut daſaß:Ich muß bitten, ſie nicht lange aufzuhalten, denn ich ſterbe vor Angſt, bis ich ſie wohlbehalten wieder hier habe.Ich werde ſie ſelbſt wieder herbringen, Madame.So, ich ſtehe jetzt zu Ihren Dienſten, ſagte Lenor, als ſie wieder in's Zimmer trat. Einige Augenblicke ſpäter ſaß ſie in einer Miethkutſche und raſſelte durch den ſtillen Faubourg.Geht es weit? fragte ſie ihre Begleiterin.Nach dem Hotel Meurice.Meurice? Dann iſt die Perſon, zu der ich