44 Das Geheimniß des Advokaten.
ſuchen.“—„Getäuſcht in dem Geſicht meines Vormunds? Nein, Tante, gewiß nicht. Aber wie Sie ſagen, er wird natürlich nicht lang auf ſich warten laſſen.“—„Wahrſcheinlich kommt er ſchon dieſen Abend; denn er weiß ja, daß ich nur ſelten ausgehe.“—„Was mag ihn nach Paris gebracht haben?“ dachte Lenor.„Ich weiß, er geht mir lieber aus dem Weg, als daß er mich aufſucht. Seit der Entfremdung zwiſchen ihm und meinem Mann hat er mich immer vermieden; deßhalb kann ich mit dieſem Beſuch nichts zu ſchaffen haben. Aber ich denke doch, daß er heute Abend kommen wird.“
Der Abend entſchwand, und ſo auch der nächſte. Stets erwartete ſie den Namen des Advokaten ankündigen zu hören, aber vergeblich. „Er hat vielleicht geſtern ein wichtiges Geſchäft zu beſorgen gehabt,“ dachte ſite.„Es wird ihn auch dieſen Morgen abgehalten haben, aber auf den Abend kommt er gewiß.“— Nach dem Diner ſaß ſie in dem Beſuchzimmer ihrer Tante bei dem kleinen Kaminfeuer, blätterte in einem Buch, in dem ſie vergeblich zu leſen verſuchte, und blickte alle Augen⸗ blicke nach der kleinen Rococco⸗Uhr auf dem Kaminmantel. Der Abend verging ſchleppend, und kein Horace Margrave zeigte ſich. Sie hoffte, er werde ſich am andern Tag einfinden, ſah ſich jedoch abermals getäuſcht. So verging eine ganze Woche, ohne daß ſie etwas von ihm hörte.„Er muß fort ſein von Paris,“ dachte ſie,„fort, ohne mir auch nur einen einzigen Beſuch gemacht zu haben. Nichts kann mir ſeine gänzliche Gleichgültig⸗ keit beſſer beweiſen,“ fügte ſie mit Bitterkeit bei.„Ohne Zweifel geſchah es nur um meines Vaters willen, wenn er ſich je den Anſchein gab, als nehme er Antheil an dem verwaisten Mädchen.“
In der darauffolgenden Woche beſuchte Lenor mit ihrer Tante ein⸗ oder zweimal die Oper und zwei oder drei Reunionen in dem Faubourg, wo ihr ſchönes Geſicht und ihr elegantes Benehmen viel Aufſehen machte. Sie bekam nirgends Margrave zu Geſicht.„Wenn er noch in Paris wäre, ſo müßten wir ihn wenigſtens in der Oper geſehen haben,“ dachte Lenor.— Nach Ablauf der Woche, Sonntag Abends, ſaß Lenor Dalton allein in ihrem Zimmer. Sie war eben mit Schreiben von Briefen an einige Londoner Freundinnen beſchäftigt, als ſie durch eine Botſchaft von ihrer Tante geſtört wurde, welche ihr anzeigen ließ, daß ſich jemand, der ſie unverzüglich zu ſprechen wünſche, in dem Beſuchzimmer befinde.— Jemand im Beſuchzimmer, der ſie ſprechen wollte! War es am Ende


