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28 Das Geheimniß des Advokaten.
erlegt. Ich bin jung, bin vielleicht nicht ſo gut und grundſatzfeſt, als ich ſeinem vertrauenden Geiſt zu ſein ſchien. Wer weiß, ob nicht in meinem Charakter eine angeborene Schwäche und Unſchlüſſigkeit liegt, welche mich vielleicht nicht zu der geeignetſten Perſon macht, die er zu Ihrem Vor⸗ mund hätte wählen können. Dennoch fühle ich das Vertrauen, das die letzten Worte des Sterbenden in ſich faßten, ſo tief, daß ich bei meiner Hoffnung auf den Himmel, bei dem Andenken an den Todten und bei meiner Mannesehre ſchwöre, der mir auferlegten Verantwortlichkeit ehr⸗ lich und als Ehrenmann nachzukommen.“—„Lenor! Lenor! Um aller Barmherzigkeit willen!“ rief er mit gebrochener Stimme und fuhr mit der einen Hand krampfhaft über das abgewendete Geſicht.—
„Ich thue unrecht,“ ſagte ſie,„daß ich jenen ſchweren Tag zurück⸗ rufe. Sie haben Ihre Obliegenheit edel und ehrenhaft erfüllt; aber jetzt — jetzt überlaſſen Sie mich ganz dem Gatten— nicht meiner Wahl, ſondern dem mir durch eine harte, grauſame Nothwendigkeit aufgedrun⸗ genen, und thun alles, was in Ihrer Kraft liegt, um ſich mir fremd zu machen. Und doch, Vormund— Horace, Sie ſind nicht glücklich!“— „Nicht glücklich!“ Er richtet den Kopf auf und lacht bitter.„Meine liebe Frau Dalton, es iſt kindiſch, von Glück und Unglück zu reden. Dieſe zwei Worte paſſen nur in einen Damenroman, in welchem die Heldin durch dritthalb Bände unglücklich iſt und im letzten Kapitel un⸗ ausſprechlich ſelig wird. In der praktiſchen Welt redet man nicht von Glück und Unglück, ſondern von Erfolg und Fehlſchlagen. Wenn einer ſich auf den Wollſack aufſchwingt, ſo hat er Erfolg gehabt; ringt ein anderer ſein ganzes Leben nach dieſer Auszeichnung, ohne ſie zu erreichen, ſo zucken wir die Achſeln und ſprechen von Fiasko. Ein glücklicher Mann — haben Sie je einen glücklichen Mann geſehen, Lenor?“—„Herr Margrave, Sie myſtificiren mich! Soll dies eine Antwort ſein?“— „Um Ihnen antworten zu können, müßte ich zuerſt mich ſelbſt fragen, und glauben Sie mir, es gehört viel Muth dazu, ſich zu fragen, ob man auf der mühſamen Lebensweiſe den rechten oder den unrechten Weg ein⸗ geſchlagen hat. Ich bekenne mich als Feigling und bitte, mich nicht zu dem Wagniß zu zwingen.“ Nach dieſen Worten ſtand er auf, blickte auf ſeinen Anzug nieder und fuhr fort:„Das erſte Zeichen zum Diner hat ſchon vor einer Viertelſtunde geläutet, und ich ſehe, daß ich noch immer im Reiſekleid bin. Die Sünde fällt auf Sie, Frau Dalton. Bis zur


