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Von E. Dom. Brand. 29
Tafel Adieu.“— Lenor blieb allein zurück und verſank in ein düſteres Brüten.„Was iſt wohl das Geheimniß in dem Leben dieſes Mannes?“ murmelte ſie vor ſich hin.„Wenn ich es wagte— aber nein, nein, ich ſcheue mich, dieſe Frage zu beantworten.“
Es wäre ſchwer geweſen, den düſteren, bitteren Horace Margrave, der er vor einer halben Stunde geweſen, in dem brillanten Sprecher wieder zu erkennen, der bei Tiſch Sir Lionel zur Rechten ſaß und durch den unabläſſigen Strom witzigen Spotts die Anweſenden in ſteter Heiter⸗ keit erhielt. Auch Lenor folgte unwillkürlich hingeriſſen dem Zauber ſeiner lebensvollen Unterhaltung und ſtaunte über die außerordentliche geiſtige Kraft, welche dieſer Mann beſaß.„So glänzend, ſo hochbegabt,“ dachte ſie;„ſo bewundert, in ſo günſtigen Verhältniſſen, und doch ſo un⸗ glücklich!“
Noch am nämlichen Abend erhielt Lenor durch dis Poſt einen Brief, der, nach London adreſſirt, von da ihr nach Baldwin Court nachgeſchickt worden war. Bei dem Anblick der Ueberſchrift wurde ſie betroffen. Sie nahm das Schreiben nach dem kleinen inneren Beſuchzimmer, das ſie frei fand, und las es daſelbſt bei dem Licht der auf dem Kaminſims ſtehenden Wachskerzen. Dann faltete ſie das Papier zuſammen und begab ſich nach dem langen Salon, in welchem ſich außer anderen von der Geſell⸗ ſchaft auch Horace Margrave befand, der an einem Seitentiſch in einem Kupferſtichalbum blätterte. Sie nahm neben ihm Platz und ſagte:„Herr Margrave, ich habe eben einen Brief aus Schottland erhalten“—„Aus Schottland?“—„Ja. Von dem lieben alten Pfarrer James Steward. Sie erinnern ſich ſeiner?“—„Ja; ein weißhaariger alter Mann mit einer Familie von Töchtern, deren kleinſte größer als ich war. Korre⸗ ſpondiren Sie mit ihm?“—„O nein. Ich bin ſchon ſo viele Jahre von Schottland fort, daß im Lauf der Zeit alle meine alten Freunde mir abgefallen ſind. Ich hätte ihm gern in Archindore eine neue Kirche ge⸗ baut, aber Dalton wollte natürlich kein Geld hergeben, und da dies ein Punkt iſt, über den ich nie mit ihm ſtreite, ſo ließ ich den Gedanken wieder fallen. Diesmal hat mir Herr Stewart aus einem beſonderen Grund geſchrieben.“—„Der wärs?“—
„Meine alte Pflegerin Margaret Mackay hat, da ſie blind und ge⸗ brechlich geworden iſt, ihren Platz verlaſſen müſſen. Die gute alte Seele, ſie ging nach dem Tod meines armen Vaters zu Edinburg in einen Dienſt


