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Von E. Dom. Brand. 27
Sie ſehen, daß ich noch nicht ſehr kräftigsbin; denn ſogar die angenehme Erregung eines unerwarteten Zuſammentreffens mit meiner vormaligen Mündel war faſt zu viel für meine mehr als damenartig überreizten Nerven. Sie ſagten übrigens, meine liebe Frau Dalton, es ſei hier von mir geſprochen worden?“—
„Ja, dieſen Morgen beim Frühſtück. Als Ihr Beſuch angekündigt wurde, ſagte einer der Herren, er ſei Ihnen in der Schweiz begegnet; Sie ſähen übel, vielleicht unglücklich aus.“—„Unglücklich? Ach, meine liebe Frau Dalton, es iſt ein Jammer für einen Mann, wenn er von Haus aus wenig Farbe und einen ſchwarzen Haarkopf hat; denn die Welt erhebt ihn dann alsbald zu einem geknickten Weſen, dem ein chro⸗ niſcher Wolf ſtetig unter der Weſte frißt. Ich überarbeite mich in einem ſchwierigen Prozeßfall, in welchem ein langweiliger alter Mann ſeinem jüngſten Sohn auf einem halben Bogen Papier vierzigtauſend Pfunde vermacht, und die Welt, die mir in der Schweiz begegnet, wo ich zur Erholung reiſe, kommt nach Haus und ſchreit mich aus— für unglück⸗ lich. Iſt dies nicht zu ſchlimm? Wäre ich mit rothem Haar und einem wohlgenährten Geſicht geſegnet, ſo könnte mir alle drei Monate das Herz brechen, ohne daß ſich meine theilnehmenden Freunde um den Schaden kümmerten.“—„Mein lieber Herr Margrave,“ entgegnete Lenor, und ihre Stimme bebte unwillkürlich—„ich kann mich jetzt unter die ver⸗ heiratheten alten Frauen zählen; darf ich wohl auf den Grund dieſes Vorrechts offen mit Ihnen ſprechen?“—„Warum nicht? Zuverläßig.“ Wieder das alte Zucken ſeiner dunkeln Wimper; die weißen Lider ſenken ſich über die ſchönen braunen Augen, während Horace Margrave nach dem Hut niederſieht, der in ſeiner Hand unſtet hin und her pendelt.
„Wohlan, mein lieber Vormund, denn ich will Sie ſtets mit dieſem Namen nennen, den ich, wie ich mich noch gut erinnere, zum erſtenmal am Tag der Beerdigung meines armen Vaters ausſprach. Oh!“ fügte ſie leidenſchaftlich bei,„wie gut— wie gut entſinne ich mich noch jenes traurigen— jenes ſchrecklichen Tages! Ich kann Sie jetzt ſehen, wie ich Sie damals ſah; Sie ſtanden in der Fenſtervertiefung der kleinen Biblio⸗ thek und blickten mit wehmüthigen Augen ſo theilnahmvoll auf mich nieder. Ich war damals noch ein Kind. Aber Ihre gedämpfte tiefe Stimme klingt noch in meinen Ohren, wie damals, als Sie zu mir ſagten:„Lenor, Ihr Vater hat mir eine ernſte Verantwortlichkeit auf⸗


