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14 Das Geheimniß des Advokaten.
junge Ehepaar hatte nur eine kurze Bewerbungszeit gehabt. Alle die ſüßen Ungewißheiten, die Zweifel, die Träume, die Beſorgniſſe, die Hoff⸗ nungen, welche den poetiſchen Prolog eines Brautſtandes bilden, fielen weg bei einer Heirath, welche das Teſtament des ſeligen Onkels vor⸗ ſchrieb. Die Heirath ſelbſt war nicht aus Neigung hervorgegangen, ſondern nur auf Achtung gegründet und geſchloſſen, unter dem edel⸗ müthigen Impuls einer ungeſtümen Natur, welche keine Erregung unter⸗ drücken gelernt hatte.
Iſt ſie glücklich? Kann die kalte, ruhige Achtung, welche ſie für den Mann fühlt, den ein Anderer für ſie gewählt hat, das glühende Herz eines romanhaften Mädchens befriedigen?— Sie iſt bereits ſechs Wochen verheirathet und hat ſeit dem Hochzeittag Horace Margrave, den einzigen Freund, den ſie nach ihrem Gatten in England beſitzt, nicht wieder geſehen. Nicht mehr ſeit jenem ſonnigen Maimorgen, an welchem er ihre eiſige Hand ergriff und ſie als Vormund und Stellvertreter ihres verſtorbenen Vaters in Henry Daltons Arme führte. Sie erinnerte ſich, daß an jenem Tag ſeine Hand ſo kalt und kraftlos war wie die ihrige, und daß ſein Geſicht noch blaſſer als gewöhnlich ausſah in dem Früh⸗ lingsſonnenſchein, der durch die Kirchenfenſter hereinſtrömte; aber trotzdem hatte er am Frühſtücktiſch die Honneurs gemacht, die Geſundheit des Brautpaars ausgebracht, die Brautjungfern bekomplimentirt und jeder⸗ mann durch die Anmuth und Leichtigkeit in ſeinem Benehmen bezaubert. Hätte indeß Lenor je gedacht, es ſtehe ihr um alter Bekanntſchaft, um ihres verſtorbenen Vaters oder um ihres eigenen lieblichen Geſichtes willen ein Recht zu, Margrave etwas mehr oder theurer zu ſein, als der nächſte beſte von ſeinen Klienten, ſo mußte ihr ein ſolcher Gedanke ver⸗ gehen bei dem gentlemaniſchen sang froid ſeines Abſchieds, als der vierſpännige Wagen ſie aufnahm, um ſie im Flug nach Windermere zu tragen.
Es iſt Ende Juni. Sie ſitzt in dem kleinen Salon und erwartet Morgenbeſuche. Schon eine Woche befinden ſie ſich in der Stadt, und Horace Margrave hat ſich noch immer nicht blicken laſſen. Sie ſieht dieſen Morgen gedrückt aus und ſcheint vergeblich etwas zu ſuchen, wo⸗ mit ſie ſich beſchäftigen kann. Das einemal ſetzt ſie ſich an das Piano, um einige Accorde anzuſchlagen oder einen brillanten Lauf zu ſpielen; dann nimmt ſie einen unaufgeſchnittenen Roman vom Tiſch und liest da


