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10 Das Geheimniß des Advokaten.
riſon,“ ſagte ſie ſpöttiſch.„Geben Sie auf ſein gelbes Haar Acht und auf ſeine dicken Stiefel.“—„Es wäre ſehr unſchicklich von ihm, wenn er in dicken Stiefeln erſchiene,“ verſetzte die wohlbeſtellte Beſchützerin, „und Herr Margrave ſagt ja, er ſei eine vortreffliche junge Perſon.“— „Ganz recht, Frau Morriſon— eine junge Perſon. Das einzige Wort „Perſon“ ſchildert ihn vollkommen.— Oh, mein Traum, mein Traum!“ fügte ſie flüſternd bei.— Man muß nicht vergeſſen, daß ſie erſt an dieſem Tag den Rubicon der Weisheit überſchritten hatte und daß ihr das dies⸗ ſeitige Ufer ganz neu war. Sie lebte noch in dem thörichten Lande der Romantik.— Das Dienſtmädchen meldete„Herrn Margrave und Herrn Dalton.“
Unwillkürlich blickte Lenor mit einiger Neugierde zu dem jungen Mann auf, gegen den ſie eine ſo tiefe Verachtung, eine ſo unverdiente Abneigung hegte. Er war etwa drei Jahre älter als ſie und von mitt⸗ lerer Größe. Sein Haar hatte richtig, wie ſie prophezeit, eine helle Farbe, die ſich aber keineswegs häßlich ausnahm; auch ringelte es ſich in kurzen Locken um eine breite, niedrige, freie Stirne. Sein Züge waren regelmäßig, ſeine Augen tief blau. Sein Geſicht zeigte einen ernſten Ausdruck, und nur bei ſeltenen Anläſſen ſpielte ein ruhiges Lächeln um ſeine Lippen. Neben Horace Margrave nahm er ſich allerdings nicht als ein ſchöner Mann aus; der Phyſiognom aber würde in ſeinem Antlitz die kennzeichnenden Linien jener edleren Eigenſchaften gefunden haben, welche der dunklen Schönheit des Advokaten abgingen, nämlich die der Entſchloſſenheit, des Selbſtvertrauens und der Beharrlichkeit, oder mit anderen Worten, aller jener Eigenſchaften, die den rechten Mann aus⸗ machen.
„Herr Dalton hat mit klopfendem Herzen der Stunde entgegenge⸗ ſehen, welche ihn an Ihre Seite bringt, Fräulein Arden,“ ſagte Horace Margrave.„Er iſt längſt von den Stipulationen in dem Teſtament Ihres Onkels unterrichtet, die Ihnen erſt heute zur Kunde gekommen ſind.“—„Ich beklage es, daß Fräulein Arden dieſelben je erfahren mußte, wenn ſie ihr Schmerz bereitet haben,“ bemerkte der junge Mann ruhig.— Lenor ſah ihm in’'s Geſicht und bemerkte, daß die auf ihr ruhenden blauen Augen einen eigenthümlichen Ernſt beſaßen.—„Er iſt am Ende nicht ſo ſchlimm,“ dachte ſie.„Es war thöricht von mir, mich
über ihn luſtig zu machen; aber ich kann ihn nie lieben.“—„Fräulein


