Jahrgang 
3 (1864)
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6 Das Geheimniß des Advokaten.

befugt geweſen, alle Ihre Handlungen zu leiten. Wenn aber auch mit dem heutigen Tage meine Berechtigung aufhört, ſo glaube ich doch noch die Befugniß zu haben, Ihnen zu rathen ein kleines Anrecht zu be⸗ ſitzen an Ihr Vertrauen. Sagen Sie mir alſo aufrichtig mir, dem in reiferen Jahren ſtehenden Rechtsgelehrten wen lieben Sie? Wer iſt es, den Sie lieber heirathen würden, als Henry Dalton, den Adop⸗ tivſohn Ihres Onkels?Er ſah ſie wohl an, und ſie erwiderte ſeinen Blick in derſelben Weiſe. So mußten ſich wohl ihre Augen be⸗ gegnen. In den ihrigen lag der Ausdruck eines ernſten, wehmüthigen Vorwurfs, in den ſeinen das Düſter tiefen Kummers. Er wandte zuerſt den Blick wieder ab, nahm auf's neue das Spiel mit dem Federmeſſer auf und ſagte:Sie laſſen mich ſo lang auf Ihre unumwundene Ant⸗ wort warten, mein liebes Mädchen, daß ich glauben muß, der Held Ihrer Neigung bewege ſich in der Märchenwelt und Ihr Herz ſei am Ende doch frei. Sprechen Sie, Lenor iſt's nicht ſo? Sie ſind wenig mit der Welt in Berührung gekommen, haben den größten Theil Ihres Lebens in der völligen Abgeſchiedenheit eines Pariſer Kloſters zugebracht und befanden ſich nachher ſo ganz unter der argusäugigen Beaufſichtigung Ihrer verehrungswürdigen Tante, daß ich nicht einzuſehen vermag, wie Sie dazu gekommen ſein ſollten, Ihr liebes, gutes Herzchen zu verlieren. Darum muß ich wohl annehmen, daß Sie mich myſtifiziren wollen. Rund heraus, meine theure Mündel, iſt wirklich jemand vorhanden, den Sie lieben? Er ließ bei dieſer entſcheidenden Frage unter ſeinen dunkeln Wimpern weg einen ſcheuen Blick nach ihr hingleiten, etwa nach Art eines Menſchen, der in der Erwartung eines Schlages aufſchaut mit dem Bewußtſein, daß er ſchaudern und die Augen ſchließen muß, ſobald er niederfällt. Aus dem Antlitz des Mädchens wich die Glut und machte einer tiefen Bläſſe Statt, während ſie mit feſter Stimme erwiderte: Nein!Alſo keiner?Keiner.

Horace athmete tief auf wie ein Mann, der ſeine Bruſt von einer ſchweren Laſt befreit fühlt, und fuhr dann in ſeinem früheren Tone, ganz dem des Geſchäftsmanns, fort:Gut, meine liebe Lenor. Ein früheres Verhältniß iſt alſo nicht vorhanden. Da es nun der letzte Wunſch, ich darf wohl ſagen, die letzte Bitte Ihres ſterbenden Onkels war, Sie möch⸗ ten dieſe Verbindung eingehen, und da Henry Dalton ein ſehr guter junger Mann iſt.Ich kann die guten jungen Männer nicht lei⸗