Jahrgang 
1 (1864)
Einzelbild herunterladen

Zur Lecture. 475

Dr. A. Kuhn, Schiller's Geiſtesgang. Berlin. Mylius'ſche Buchhdlg. (E. Schweigger). 1863.

Es iſt von jeher und beſonders neuerdings ſo viel über Schiller, ſeine Entwickelung und ſeine Werke geſchrieben worden, daß man auf den erſten Anblick auch dieſen Stoff für erſchöpft halten dürfte. Allein auch daran erſcheint des Dichters Größe, daß trotz all dieſer Schriften immer noch neue auftreten dürfen, für die wir wohl dankbar ſein müſſen, weil ſie auf die eine oder andere Weiſe Kenntniß und Verſtändniß des Dichters und ſeiner Werke bei uns fördern und immer weiter an der großen Aufgabe fortarbeiten, ein Geſammtbild des Mannes und ſeines Schaffens und zugleich eine Darlegung des Geſchaffenen zu liefern, die dieſen Liebling der Nation bis in die kleinſten Züge zum feſten Eigen⸗ thum eines Jeden machen.

Ein ſolches Buch und zwar ein ſehr anerkennenswerthes, iſt auch das vorliegende. Der Verfaſſer hat es ſich, wie der Titel beſagt, zur Aufgabe gemacht, den geiſtigen Entwickelungsgang Schillers von ſeinen wilden und genialen Anfängen bis zur Periode der von ihm erreichten höchſten Vollendung zu verfolgen und vor uns darzulegen, nicht allein in der Entwickelung der inneren Kämpfe und Läuterungen, die dieſem Geiſt ſo wenig wie einem anderen erſpart bleiben konnten, ſondern auch in der irgend möglichen Aufdeckung der äußeren Einflüſſe auf jenes Kämpfen und Ringen, aus denen er endlich auf die höchſte Höhe hinaustrat. In der That eine ſchwierige, aber ſchöne und dankbare Aufgabe, welcher der Verfaſſer, wie wir uns zu urtheilen nicht ſcheuen, faſt überall gerecht ge⸗ worden iſt. Und ſo haben wir denn hier ein Streben und Ringen, ein Schaffen und wieder ein unermüdetes Vorwärtsſtreben vor uns, wie es in ſolcher Raſtloſigkeit, Treue und Gewiſſenhaftigkeit auch nur einem ſol⸗ chen Geiſte möglich war. Man ſieht es aus dieſem Buche klarer als irgend ſonſt: ein Schiller wird nicht in ſeiner Größe und Vollendung ge⸗ boren, ſondern muß ſich zu ihr mit Mühe und Ernſt emporarbeiten. An geiſtiger Begabung mögen ihm manche nicht nachgeſtanden haben, aber an der Ausarbeitung derſelben, an der klarſten Erkenntniß aller Phaſen, die dabei zu durchlaufen waren, an der genauſten Kenntniß der eigenen Fähig⸗ keiten und an ihrer maßvollen, richtigen Verwendung iſt ihm nicht einer gleich gekommen.

Von einem tieferen Eingehen auf die fleißige Arbeit kann auch hier