Jahrgang 
1 (1864)
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Zur Lecture. 473

Dieſe Forderungen aber, ſo ſtreng ſie erſcheinen mögen, ſtellen wir an das Publikum unbedingt, auf das tiefſte nicht nur von ihrer Noth⸗ wendigkeit, ſondern auch von ihrer ſagen wir kurz: Ausführbarkeit überzeugt. Bei dem Publikum muß die Beſſerung anfangen, deren unſere Theaterzuſtände bedürfen. Weil das Theater von einem Tempel der Kunſt, wo man Veredlung, Erhebung und Belehrung ſuchte, zu einem reinen Vergnügungs⸗ und Unterhaltungsort herabſinkt, ſinken auch die Darſteller, ſinkt die Kritik, ſinken die Kritiker, denn das geht alles Hand in Hand. Es iſt eine von vollkommener Einſichtsloſigkeit zeugende Klage, daß die großen Schauſpieler ausgehen. Laßt nur zuerſt ein williges, auf⸗ merkſames, einſichtiges Publikum daſein und ſeine Forderungen mit Ein⸗ ſicht ſtellen und mit Strenge durchſetzen, ſo kommen die großen Schau⸗ ſpieler ſicherlich wieder. Denn mit der Einſicht der Zuſchauer und der Strenge der Anforderungen wachſen die Darſteller.

Ein Publikum, wie es Dichter und Darſteller ſich nur irgend wün⸗ ſchen können, war aber das Berliner bis gegen die dreißiger Jahre unſeres Jahrhunderts, theilnehmend, einſichtig, gebildet, ſtreng und wieder dankbar anerkennend. Daher hat ſich auch nicht nur mehr als ein großer Künſt⸗ ler in Berlin ſelbſt gebildet, ſondern ſtand auch das Theater überhaupt dort auf einer Höhe, die ſelbſt vom Wiener Burgtheater ſchwerlich über⸗ ragt wurde. Von dieſer Zeit an nahm das Theater entſchieden ab; viele von den alten großen Künſtlern, Ludwig Devrient an der Spitze, ſtarben oder verließen dasſelbe oder wurden in ihrer Thätigkeit, wie der treffliche Lemm, durch Krankheit geſtört. Und ſo ausgezeichnet auch zum Theil der Erſatz war, die frühere Blüthe kehrte nicht meh zurück. Man ſah, wie wir uns ſelber noch erinnern, hinfür wohl noch einzelne Rollen unüber⸗ trefflich geſpielt, aber kein tadelloſes Enſemble mehr. Es war das über⸗ haupt jene Zeit, wo in ganz Deutſchland das Theater von der früheren Höhe herabſtieg. Die Theilnahme des Publikums war eine andere ge⸗ worden, man hatte kein Intereſſe mehr an der Trefflichkeit des Stücks und der Darſtellung, ſondern wollte nur unterhalten werden. Zugleich ergab ſich auch zwiſchen den Künſtlern ſelbſt eine folgerichtige Verände⸗ rung die alte Schule trat ab, die neue hatte ganz anderen Anſprüchen zu genügen, und ſelbſt unter ihren hervorragenden Größen begann ſich von da ab zu zeigen, was ſeitdem immer entſchiedener hervorgetreten iſt: die Zahl der Rollen, in denen dieſer oder jener ſich bewegte und Gutes