472 Zur Lecture.
rath Teichmann hat ſeine Geſchichte nicht über das Jahr 1842 hinaus aus⸗ dehnen mögen, wo er denn freilich ziemlich ſicher ſein durfte nicht allzuſehr zu verletzen. Denn von denjenigen, welche er bis zu dieſem Jahre ſeiner Beurtheilung unterzog, gab es im Jahre ſeines Todes, 1860, ſicherlich nur gar wenige noch in dem Fall einer etwaigen Empfindlichkeit nachzugeben. Teichmann ſcheint in der That vor vielen Anderen zu einer Arbeit wie die vorliegende berufen geweſen zu ſein. In Berlin geboren im Jahre 1791 und von Jugend auf dem Theater mit vollſter Neigung zugewendet, endlich in einer Stellung, wo er dem Inſtitut und den Künſtlern näher ſtand als die Meiſten, erlebte er nicht nur die Zeit der höchſten Blüthe dieſes Theaters, ſondern freilich auch die Tage, wo es allmälig von ſeiner Höhe herabſank— ſo zu ſagen in nächſter Nähe. Ueber jene glänzendſte Zeit, als in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Berlin der große Fleck und Iffland, die Unzelmann⸗Bethmann und die Baranius und wie ſie alle heißen, Vorſtellungen zu Stande brachten, wie ſie in ſol⸗ cher Vollendung vielleicht nie und nirgends wieder geſehen wurden, hat er begreiflicherweiſe kein eigenes Urtheil abzugeben und ebenſowenig möch⸗ ten wir ihm ein ſolches auch über das zugeſtehen dürfen, was im erſten Jahrzehend des neunzehnten Jahrhunderts geleiſtet wurde. Denn grade für das Verſtändniß und die Beurtheilung einer Theatervorſtellung und der Darſteller werden Fähigkeiten und Kenntniſſe in Anſpruch genommen, welche in einem neunzehnjährigen Jüngling noch nicht entwickelt ſein kön⸗ nen, die niemand anfliegen, ja die man nicht einmal aus Büchern ſchöpft. Denn nicht nur viel, ſondern es auch richtig zu ſehen; ein Stück wirklich und bis in ſeine Einzelheiten zu kennen oder es bis in dieſe hinein leicht auffaſſen zu können; die Perſonen auseinander zu halten und wie⸗ derum bis in ihre feinſten Eigenheiten zu verfolgen; die Darſteller und ihre Fähigkeiten richtig zu würdigen, Kunſt von Künſtelei zu unterſchei⸗ den; ſich weder vom Beifall noch vom Tadel der Menge beherrſchen zu laſſen; endlich nach all dieſen Prämiſſen mit Ueberzeugung und Sicherheit zu beſtimmen, in wie weit der Darſteller den Intentionen des Dichters und der Wahrheit gerecht geworden, ob er wirklich den Eindruck gemacht, den er machen ſollte, d. h. ob er die Perſon vor uns zum Leben erweckte, die er darzuſtellen hatte, oder ob es nur Herr X. oder Frau Z. blieb— das ſind alles Forderungen, denen ein Zwanzigjähriger und wäre er noch ſo ſolid und geſchult, ſchwerlich nachzukommen vermag.


