120 Fortſchritte der Zeit.
gegeben; allein es war nun einmal durch Gottes Rathſchluß beſtimmt, daß nichts verhindert werden ſollte, was den Gang einer ſchweren Prüfung hemmen konnte. Und wenn es richtig iſt, daß zur gründlichen Heilung eines Uebels das Medikament nicht bloß betrachtet, ſondern verſchluckt werden muß, ſo leuchtet die Anordnung der Vorſehung auch ein.
In der beſten Laune ſchieden die jungen Männer von Vally und ihrer Freundin, die eine kleine Strecke mit ihnen gegangen waren. Raſch ſchritten ſie dahin, ein ſchönes Bild in der Verſchiedenartigkeit ihres Weſens und in der jugendlichen Kraft und Männlichkeit. Juſtus, blond, ſchwärmeriſch ernſt und gehalten, geiſtiges Leben im ſanften Auge würde vielleicht weichlich und weiblich erſchienen ſein, wenn nicht eine hohe, kräftige Geſtalt dem entgegen getreten wäre. So ruhig ſein Blick für gewöhnlich war, ſo ſcharf ſondirend konnte er in ſeinem Berufsleben wer⸗ den. Dann trat die Feſtigkeit und Kraft ſeines Geiſtes in's richtige Licht und derjenige, welcher mit nicht ganz reinem Gewiſſen vor ihm ſtand, fühlte dieſen Einfluß, wie eine Vernichtung aller aufgeſtellten Lügen.
Ganz ihm entgegengeſetzt trat Arthur in der Welt und im Berufe auf. Schon ſein Aeußeres ſprach dies aus. Auch groß, wie Juſtus, aber ſchlank, mit ſchwarzem Haar, das er länger und lockiger, als Juſtus trug, blickte er gutmüthig und ſorglos mit ſeinen braunen Augen in die Welt hinein. Ein unverwüſtlicher Humor war der Schmuck ſeines Geiſtes und machte ihn beliebt bei Jung und Alt, bei Vornehm und Gering. Weit materieller als ſein Freund, betrachtete er die Verhältniſſe des menſch⸗ lichen Lebens ohne alle Ueberſpannung und gab ſich mit ganzer Seele den Freuden desſelben hin, ohne dadurch ſeiner Veredlung zu ſchaden. Er trank gern Bier, er trank gern Wein, er aß mit vortrefflichem Appetite, lachte ſtets aus vollem Herzen und haßte nichts ingrimmiger, als die ari⸗ ſtokratiſche Verfeinerungsſucht. Wo Arthur Berger Geiſt, Bildung und Natürlichkeit fand, da fühlte er ſich heimiſch. Er nahm auch oft nur mit dem geſunden Menſchenverſtande vorlieb, und namentlich fragte er unglaub⸗ lich wenig nach dem Stande des Menſchen, mit dem er verkehren wollte oder mußte.
Genug, Arthur Berger war ein ehrlicher gerader Menſch, ein Freund und Vertreter des Volkes von deſſen Rechten nach allen Richtungen hin. Seine Abſicht war Rechtsanwalt zu werden, und es paßte wahrlich kein Mann beſſer zu dieſem Berufe, als Arthur Berger, der ſchon von ſeiner Kindheit an der Anwalt aller Leidenden, Hülfsbedürftigen, Unterdrückten,


