116 Fortſchritte der Zeit.
war ſie nicht geblieben. Ihr wurde mitgetheilt, daß Juſtus von der Be⸗ ſtimmung ihres Vaters Kenntniß erhalten, wonach ſie einen Oekonomen zum Gatten zu wählen hatte, und daß er nicht geſonnen ſei, durch ſeine fernere Bewerbung Conflicte zwiſchen Vater und Tochter herbeizuführen. Aber, was ſtand ihm nun noch im Wege, wenn er ſonſt nicht leichtſinnig ihr Andenken aus ſeinem Herzen entfernt hatte? Was hielt ihn nun noch ab, ſeiner Liebe Worte zu geben, wenn er nicht bloß ſein Spiel mit ihrem unſchuldigen Herzen getrieben hatte. Vally fragte ſich dies hundert Male, während ſie durch das ſtille Waldgehege eilte, während ihr Auge, ganz unbewußt, entzückt das erſte Keimen der Sträucher betrachtete und ihr Ohr ſich willenlos dem ſchmeichelnden Zirpen der zärtlichen Vögel öffnete. Ihr Herz antwortete nicht auf die Fragen, die ihr Verſtand aufwarf, aber tief im Innern regte ſich ein Schmerz, der ſie demüthig machte und zur Ge⸗ duld ermahnte, damit ſie der Liebe des edeln Mannes würdig werde.
Je näher ſie dem Dorfe kam, wo ihre Freundin wohnte, deſto leichter wurde es in ihrem Geiſte. Der Odem Gottes, der das Leben in den ſtarren Bäumen zu wecken im Stande war, hatte ihr Gemüth berührt, und was an Güte und Edelſinn als Knoſpe in ihrem egoiſtiſchen Innern gelegen, das war nach und nach im einſamen Dahinwandeln geſprengt und mit üppiger Entfaltung zur Zierde ihrer Seele geworden. Froh athmete ſie in der wogenden Gemüthsregung und gelobte ſich die kind⸗ lichſte Ergebung in den Willen Gottes, wenn er ſie jetzt zu prüfen gedenke.
In der vollen Erhebung dieſes Vorſatzes trat ſie endlich ein bei ihrer Freundin Helene, die ſie erwartet hatte und mit Liebe empfing. Aber der Schleier der Verlegenheit deckte die Liebkoſungen der Freundſchaft und die Stimme Helenens wankte ein klein wenig, als ſie ſagte, daß ſie außer⸗ dem noch Beſuch aus der Stadt hätten, Beſuch vom Vetter Arthur Berger und von ſeinem Freunde, dem Aſſeſſor Hagedorn. Und als Vally ſich, erſchrocken bis in's Herz hinein, umwendete, da ſtand Juſtus vor ihr mit dem frohen Lächeln der Zufriedenheit, zärtliche Liebe in dem offenen Blicke, womit er ſie begrüßte. Es lag etwas Achtung gebietendes in der leichten Herzensverwirrung, die ſich bei dieſem Wiederſehen kundgab, ſo daß der leichte Scherz auf Arthurs Lippe ſtockte, er nur ſtumm der Dame ſeine Ehrerbietung bezeigte und ſich dann langſam nach dem Fenſter zurückzog, wo auch Helene Platz genommen, um der tief bewegten Freundin jede Verlegenheit zu erſparen. Sie wußte es ſeit einer Stunde von ihrem
5 Couſin Arthur, daß Juſtus dieſen Beſuch nur unternommen habe um Vally


