Jahrgang 
1 (1864)
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100 Fortſchritte der Zeit.

wohl heute zurückkommt? Er bleibt länger als neulich. Ihm gefällt es vielleicht in der größern Stadt. Wir könnten ja hinziehen. Da mein Vater ſein Geld dort in der Bank niedergelegt hat, ſo erſchiene dies eigentlich natürlich. Was wohl der ehemalige Meiſter vom Vater neu⸗ lich damit meinte, als er meinen Vater warnte vor den Speculanten?“ Hier hörte ihr Gedankenſpiel auf, denn ihr Vater erſchien vor dem Fen⸗ ſter und rief ihr ein fröhliches„Guten Abend!“ zu. Schnell, wie der Wind, flog das Mädchen zur Thür, indem ſie, ihren ſtillen Monolog laut fortſetzend heiter ausrief:„Und wenn niemand ſich mit mir freuet— mein Vater thut es, mein lieber, guter Vater, dem ein Veilchen aus meiner Hand lieber iſt, als zehn Goldſtücke!“

Eifrig fragend, fröhlich plaudernd führte ſie den graubärligen, alten Mann in das Zimmer und ruhete nicht eher, bis er bequem im Groß⸗ vaterſtuhl ſaß und ſeine Pfeife angebrannt hatte.„Nun erzähle, Väter⸗ chen,“ ſchmeichelte ſie herzig, ihn küſſend,„nun erzähle mir, wie es dir gefallen hat in der großen Stadt. Neulich, als du die erſten Zinſen aus der Bank holteſt, war es Sommer und drückend heiß— dann iſt's ge⸗ wiß nicht hübſch zwiſchen den hohen Häuſern und in den engen Straßen, aber jetzt hat es dir ſicherlich gefallen, nicht?“—„Ei freilich,“ antwor⸗ tete der Mann, gemüthlich dampfend und ſeine Taſſe Kaffee ſchluckweiſe austrinkend.„Hübſcher iſt's in einer großen Stadt, als hier, man kommt ſich nur bisweilen wie verrathen und verkauft vor.“—„Wohnen möchteſt du alſo nicht dort?“ fragte Alwine etwas gedämpft. Sie hatte dem flüchtigen Gedanken daran doch ſchon mehr Gewalt über ſich eingeräumt, als gut war.

„O— warum denn nicht, Alwine, wenn du es wünſchteſt— wa⸗ rum denn nicht?“ ſagte der Vater freudig.„Sag's nur, mein Töch⸗ terchen— willſt du in einer großen Stadt wohnen? Unſere Zinſen

reichen dazu aus. Sieh, ich hatte auch ſo allerlei Gedanken, als ich zwiſchen den großen Häuſern und den vielen geputzten Menſchen herum⸗ ging. Hier kennt man doch nicht jeden, dacht' ich mir. Hier fragt man auch nicht danach, wie hat der Mann früher gelebt, was iſt er geweſen, wodurch iſt er reich geworden?“—„O, das wäre mir ganz egal, wenn man auch danach fragte,“ lachte das ſchöne Mädchen kindlich vergnügt.

„Wer mich nicht fragt, dem ſage ich es unaufgefordert, daß mein Väter⸗

chen ein armer Maurer geweſen iſt. Ich will durchaus nicht mehr ſchei⸗

nen, als ich bin. Aber gelegen wäre es mir, wenn wir hier wegziehen könnten— mir gefällt es hier nicht, Väterchen!“—