98 Fortſchritte der Zeit.
chen mit dem Entzücken eines Kindes zu kleinen Sträußchen verwendet, die ſie ihren neuen jungen Freundinnen durch ihre Magd zuſendete. In ihrer reizenden Natürlichkeit fiel es Alwinen nicht ein, daß es den jungen blaſitrten Damen viel lieber geweſen ſein würde, einen koſtbaren Strauß von Zeugblumen geſchenkt zu erhalten. Sie hatte ihr Entzücken über die erſten Frühlingsblumen mittheilen müſſen und ſich ſelbſt kaum einen kleinen Theil der Veilchen geſtattet um nur Andern Freude bereiten zu können.— Dieſe kleine Handlung der Güte ſollte ein ſchweres Gewicht er⸗ halten und weſentlich auf die Zukunft der ganzen Familie Hoffmann einwirken.
Die Magd war lachend zurückgekommen und hatte berichtet, daß die Damen ſämmtlich ſehr verwundert über das erbärmliche Sträußchen ge⸗ weſen wären. Wie ein Blitz durchſchnitt es das Herz des guten Kindes. Ein Schmerz, den nur ein ebenſo demüthiges Weſen zu beurtheilen ver⸗ mag, durchwallte ſie und erhielt ſich durch das Geſühl der Beſchämung in ſtetem Wogen. Still und betrübt ſetzte ſich das arme Mädchen in eine Ecke des hübſch ausgeſtatteten Zimmers und ließ die erlittene Krän⸗ kung immerfort an ihrem Geiſte vorübergehen. Zum erſtenmale tauchte der Gedanke in ihr auf, daß es beſſer werden würde, wenn ſie mit ihren Eltern den Ort verließe, wo man ſie in drückenden Verhältniſſen gekannt.
„Warum ſuchen mich die jungen Damen auf, wenn ſie ſo wenig Sympathie für meine liebevolle Geſinnung haben,“ philoſophirte das junge Mädchen.„Wollen ſie mich mit meinen kleinen Liebesbeweiſen verhöhnen, ſo haben ſie ja keine Veranlaſſung mich zu einer Gemeinſchaft mit ſich aufzufordern.“ Thränen traten in ihre Augen und ſie vergegen⸗ wärtigte ſich ihre frühere Stellung, wo ſie ausgeſtoßen aus dieſem Kreiſe nur von fern hatte zuſchauen dürfen, wenn ſich dieſe jungen Damen zu einem Spiele vereinigten. Sie vergegenwärtigte ſich auch plötzlich eine kleine Scene, die damals ihr junges Herz mit einem ſonderbaren Gemiſch von Qual und Entzücken erfüllt hatte. Sie ſah im Geiſte die Wieſe am Bache vor ſich, wo die Herren der Stadt ihr Schützenfeſt feierten. Auf dieſer Wieſe tummelten ſich die Kinder in wilder, übermüthiger Luſt, warſen Reife und Bälle, ſprangen und tanzten— genug es war ein Feſt für alle, für Groß und Klein, für Vornehm und Gering. Alwine war in der Begleitung ihres Vaters auch hinausgegangen. Sie ſtand nahe dem Kreiſe derer, die unter der Aufſicht einer Gouvernante geordnete Spiele übten, und ihr glänzendes Auge verrieth ihr Intereſſe an dieſem
reizenden und nicht gewöhnlichen Schauſpiele.


